• vom 24.04.2018, 15:49 Uhr

Future Challenge

Update: 24.04.2018, 16:38 Uhr

Future Challenge

"Bitte verbrennen Sie noch 400 Kalorien, 277"




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  • Die Beiträge sind lustig, spannend, verstörend und zugleich oft düster: 61 Schülergruppen haben Videobeiträge zur Future Challenge Leben 2030 geschickt. Bis zum 30. April 2018 haben Sie noch Gelegenheit, Ihr Lieblingsvideo unter die ersten zehn zu voten.

Plastik statt Packeis: Umweltzerstörung ist eines der Haupthemen beim Schüler-Videowettbewerb Future Challenge "Leben 2030" - © Wiener Zeitung

Plastik statt Packeis: Umweltzerstörung ist eines der Haupthemen beim Schüler-Videowettbewerb Future Challenge "Leben 2030" © Wiener Zeitung

Ein junges Mädchen geht beschwingt eine Treppe hinunter, um an ihrem Fuße jäh innezuhalten. 400 Kalorien solle sie noch verbrennen, um ihr "Tagesziel" zu erreichen. Die Ermahnung kommt von einem kleinen Gerät, das sie schon den ganzen Tag mit sich herumträgt. Es sagt ihr, wann sie aufstehen soll, was sie anzieht, was sie isst. Die Schülerin hat keinen Namen. Von der Apparatur wird sie schlicht als "Nummer 277" adressiert.

Die Geschichte vom Alltag von Nummer 277 wird in einem der 61 Videos erzählt, die uns Schülergruppen aus ganz Österreich zur Future Challenge "Leben 2030" geschickt haben. Wie das Leben in zwölf Jahren aussehen könnte, ist das Thema des diesjährigen Wettbewerbs zu dem die "Wiener Zeitung" und "Wien Energie" im Sommer 2017 eingeladen haben. 61 Schülergruppen sind der Einladung gefolgt.

Entscheiden Sie mit: Auf YouTube voten!

Seit dem 26. März sind diese Videos öffentlich und jetzt kann auf YouTube, Stichwort Future Challenge, gevotet werden. Bis zum 30. April ist noch Zeit, die Videos zu sichten und "likes" zu verteilen. Die zehn Videos mit den meisten Likes kommen auf eine Shortlist. Aus diesen wird eine unabhängige Jury anschließend den Sieger der diesjährigen Future Challenge küren.

Unabhängig davon wird die "Wiener Zeitung" auch in diesem Jahr den Special Award der Redaktion vergeben.

Morgen wird heute alles viel besser gewesen sein

Die entstandenen Filme sind ein guter Einblick in die Welt von Schülern und Schülerinnen heute. Die meisten Schülergruppen, die Videos gemacht haben, kommen aus Berufsschulen, von Höheren Technischen Lehranstalten, von Gymnasien und aus Neuen Mittelschulen. Die jungen Filmemacher und Filmemacherinnen sind zwischen 14 und 19 Jahre alt.

"2030", das ist für einen großen Teil dieser Jugendlichen scheinbar der Zeitpunkt, zu dem die Probleme oder "Herausforderungen" der Gegenwart in die Katastrophe gemündet sein werden: Die Digitalisierung in die totale Überwachung, der Klimawandel in den unbewohnbaren Planeten, das technologisch beschleunigte Wirtschaftswachstum in die Sinnlosigkeit der menschlichen Existenz und die politischen Konflikte in den letzten Krieg der Menschheit (den natürlich niemand überlebt).

Es ist nicht ganz einfach zu akzeptieren, dass das Lebensgefühl, das hier zum Ausdruck kommt, so dystopisch ist. Wenn am 5. Juni die Podiumsdiskussion im 21er Haus in Wien stattfindet und die "Fragen an die Politik" gestellt werden, kann man eine harte und dynamische Diskussion erwarten. Von der Frage, ob wir 2030 alle Atemschutzmasken werden tragen müssen bis hin zu der Forderung nach konkreten Maßnahmen, die dafür sorgen, dass die musischen und künstlerischen Begabungen des Menschen wieder mehr gefördert werden, lassen die Schüler keines der großen Gegenwartsthemen aus, und sie scheinen entschlossen, sich nicht mit oberflächlichen Auskünften zufrieden geben zu wollen.

"Warum jetzt?"

Ein Wetterbericht im Jahr 2030 wird so aussehen: Extreme Stürme mit Windgeschwindigkeiten bis zu 180 km/h an dem einen Tag, am folgenden Tag extreme Hitze und Trockenheit in ganz Österreich. Umwelt und Klimawandel gehören zu den dominierenden Themen in den Videos. Die Natur ist oftmals der Gegenentwurf zu einer durchtechnisierten und anonymen Gegenwart.

2030 wird es keine Natur mehr geben, suggerieren viele der Videos. Wälder, Seen und Flüsse, die Berge – daran kann man sich allenfalls noch erinnern. Ein Spaziergang im Prater? Nur noch als Virtual Reality-Erlebnis. Eine Runde um die Alte Donau? Ja, aber aufpassen, dass der Hund nichts von ihrem Wasser trinkt.

Es kann auch sein, dass wir 2030 auf dem Mars leben müssen. Oder besser gesagt, diejenigen, die von einer anonymen autoritären Regierung für das Leben auf dem Mars auserwählt wurden, haben dann das Glück, auf dem Mars Zuflucht zu finden. Der Planet ist zu dem Zeitpunkt schon besiedelt. Was ist passiert? Die Ankommenden berichten: Ausgerechnet nachdem man doch noch die Kurve gekriegt hatte und die Klimakatastrophe abgewendet werden konnte, brach der Krieg aus. Der Konflikt zwischen den USA und Nordkorea eskalierte, und der Nuklearkrieg machte ein Leben auf der Erde unmöglich. "Warum jetzt?" Eine letzte Frage an ein dezimiertes Publikum.

Feierliche Preisverleihung am 5. Juni

Wenn am 30. April das öffentliche Voting auf YouTube abgeschlossen ist, ist die Experten-Jury am Zug. Die Filmemacherin Nina Kusturica, der Filmemacher Paul Poet und die Bildungspsychologin Christiane Spiel sind Teil dieser Jury, die einen Film aus der Shortlist von zehn Videos zum Sieger der diesjährigen Future Challenge küren muss. Am 5. Juni ist die feierliche Preisverleihung in Wien. Bildungsminister Heinz Faßmann wird die einleitende Keynote halten.

Absolut sehenswert! 

Die entstandenen Beiträge sind nicht nur inhaltlich spannend (und, bei aller Dystopie, zum Teil wirklich lustig, rasant erzählt und einfach gute Unterhaltung), sondern auch aus filmischer Perspektive sehr interessant und vor allem vielfältig.

Es werden viele verschiedene Erzählweisen eingesetzt – vom Spielfilm über Animation und Mockumentary bis zur Reportage ist alles vertreten, was es an modernen Erzählformen und Dramaturgien gibt. Viele haben ihren Filmen eine Postproduktion angedeihen lassen und etwa den Ton noch aufwändig nachbearbeitet. Auch die Ausstattung ist oftmals liebevoll und durchdacht gemacht. Viele Schüler legen Wert darauf das alles stimmt. Wenn Steuerbücher aus dem Jahr 1920 vorkommen, dann sind es echte Buchhaltungsunterlagen aus den 1920er Jahren.

Auffällig ist auch der gekonnte Einsatz von Musik, die nicht nur als Verstärkung der Bildwelten funktioniert, sondern als eigenständiges Element. Die Schüler beherrschen auch Stilmittel wie Überblendungen und gehen wirkungsvoll mit unterschiedlichen Kameraeinstellungen um.

Alltagstücken 2030

"2030" - das ist die technisch optimierte Welt. Aber: Drohnen werfen die Pakete den Leuten auch schon mal auf den Kopf ("Die Drohnen werden auch immer gefährlicher, dafür zahl ich nicht!"), Batterien sind ständig leer und der Schulunterricht lässt sich auch in zwölf Jahren nur mit Motivationspille ertragen, auch wenn der Lernstoff vom einen Außerirdischen vermittelt wird. Machen kann man nichts: "Das interessiert doch keinen!", "Steht aber im Lehrplan", der Frontalunterricht wird fortgesetzt.

Brauchen wir die technologischen Weiterentwicklungen überhaupt? Entwicklungen von Artificical Intelligence kommen in den Beiträgen vor allem als Fehlentwicklungen vor. Sie dienen der Überwachung und politischen Kontrolle, führen in kriegerische Auseinandersetzungen zwischen diesen AI-Überwachungsstaaten und im besten Fall machen sie einem das Leben schwer, indem sie Lebensfreude und Spontanität durch trockene Anweisungen bereits im Keim ersticken. Irgendwie darf man 2030 auf maximal 2.000 Kalorien am Tag kommen.





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Dokument erstellt am 2018-04-24 15:50:14
Letzte Änderung am 2018-04-24 16:38:15