• vom 14.05.2018, 09:45 Uhr

Future Challenge

Update: 14.05.2018, 10:05 Uhr

Future Challenge

Die Macht der Bilder




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Von Cathren Landsgesell

  • Die zur Future Challenge "Leben 2030" eingereichten Videos zeigen, wie Jugendliche mit unserer visuellen Kultur umgehen.

Social-Media-Stars und Profis für Bildwelten: Die Zwillinge Lena und Lisa haben mehr als zehn Millionen Follower. - © APA/DPA/CHRISTIAN CHARISIUS

Social-Media-Stars und Profis für Bildwelten: Die Zwillinge Lena und Lisa haben mehr als zehn Millionen Follower. © APA/DPA/CHRISTIAN CHARISIUS

"Was früher Texte und Lesen waren, sind jetzt Videos, Filme und Clicks", sagt Nina Kusturica. Aus ihrer Sicht sind wir bereits in einer Wirklichkeit angekommen, die uns vor allem visuell vermittelt wird. "Filme und Bilder prägen, wie wir denken und fühlen. Sie konstituieren uns als politische Wesen." Die Regisseurin und Produzentin ist Teil der Jury, die die zur Future Challenge "Leben 2030" eingereichten Filme sichten und bewerten wird. Sie sei froh, in den Filmen eine "Media Literacy" zu spüren, ein gewisses Bewusstsein dafür, dass Bilder Wirklichkeit weniger abbilden als vielmehr herstellen.
61 Schülergruppen aus ganz Österreich haben sich an der diesjährigen Future Challenge beteiligt. Diese Videos zum Thema "Leben 2030" sind auf YouTube zu sehen. Wer wollte, konnte rund einen Monat lang durch die Vergabe von Likes sein Lieblingsvideo auf die Shortlist von zehn Filmen voten, aus denen nun eine Jury das Siegervideo ermittelt.

"Apokalypselust"
"Filmisch sind die Schüler offenbar sehr versiert", sagt Nina Kusturica. "Sie haben viel Routine, weil sie ja durch die Smartphones und Soziale Medien permanent mit dieser visuellen Kultur umgehen." Für die Filmemacherin ist diese Kultur eine ambivalente Entwicklung. "Film hat sicher das Potenzial, einen guten gesellschaftlichen Diskurs zu ermöglichen. Dafür aber müssen wir verstehen, wie Bilder funktionieren: Welche Macht haben sie? Wie können wir kritisch hinterfragen, was uns ein Video oder ein Foto erzählt?"
Das Thema der Future Challenge ist in diesem Jahr "Leben 2030". Viele der Videos greifen die großen Themen der Gegenwart auf, es dominieren Szenarien des Untergangs: Umweltzerstörung, Überwachung, die Herrschaft der Maschinen. Die eingereichten Filme sind düster, aber nicht hoffnungslos: "Von diesem schonungslosen Blick auf die Welt können wir uns als Gesellschaft einiges abschauen", sagt Paul Poet. Paul Poet ist neben Nina Kusturica der zweite Filmemacher in der Jury. "Über den ganzen Horror kann man auch blödeln und eine Apokalypselust entwickeln", meint Poet. "Lösungsansätze gibt es keine – aber diese Fragen werden berechtigterweise auch an die größere Gesellschaft delegiert. Es ist schließlich nicht diese Generation, die die ganzen Probleme verursacht hat."

Information

Heuer war es "Leben 2030", was soll als nächstes Thema des Videowettbewerbs Future Challenge sein? Sie können mitbestimmen! Schreiben Sie uns ein E-Mail an futurechallenge@wienerzeitung.at.

"Auf Extreme getuned"
Nina Kusturica und Paul Poet sind die beiden Filmemacher in unserer Jury, der auch die Bildungspsychologin Christiane Spiel und Alexander Eppler von der Wirtschaftskammer Wien angehören. Diese Jury wird am 5. Juni im Naturhistorischen Museum in Wien das Siegervideo dieser Future Challenge auszeichnen. Außerdem wird an dem Abend der Special Award der Redaktionsjury der "Wiener Zeitung" vergeben. Die Keynote zur Galaveranstaltung wird Bildungsminister Heinz Faßmann halten.
Während Kusturica im fiktionalen Bereich arbeitet, hat Poet den Schwerpunkt im Bereich Dokumentarfilm. Die Digitalisierung ist an beiden Genres nicht spurlos vorübergegangen. "Die Sozialen Medien haben die Schwelle zwischen dem, was öffentlich ist, und dem, was privat ist, eingeebnet. Es gibt diese Grenze nicht mehr. Man will das absolute persönliche Outing. Das spiegelt sich etwa im Dokumentarfilm: Von ihm erwartet man, dass er noch näher dran ist, dass er die Momente zeigt, in denen eine Person am Ende ist, die schlimmste Nachricht ihres Lebens hört", so Kusturica.
Für das Kino ist das keine gute Nachricht und auch nicht für unsere Wahrnehmung der Welt: "Es gehen Nuancen und Zwischentöne verloren, die der Film ja auch wunderbar zeigen kann. Unser Blick und unser Ohr werden nur noch auf die Extreme getuned."

Aufmerksamkeitsverlust
Der Überfluss an Bildmaterial in der digitalen Welt birgt die Gefahr, dass ein Film erst gar nicht gesehen wird. "Man wird schneller weltweit wahrgenommen, aber ebenso schnell weltweit übersehen", sagt Paul Poet. "Die Öffentlichkeit zerfällt zudem in Publikums-Partikel mit einer immer kürzeren Aufmerksamkeitsspanne." Film hätte dieser Fragmentierung theoretisch etwas entgegenzusetzen – wäre da nicht der allgemeine Trend zu Serie und Home-Entertainment. "Man müsste in den Schulen und in der Medienkultur generell mehr Qualitätszeit einräumen, wo man sich inhaltlich mit Themen auseinandersetzen kann", sagt Poet. "Es wäre wichtig, wieder zu einer gemeinschaftlichen Kommunikation zu kommen." Nina Kusturica sieht den Ball bei der Bildungspolitik: "Man muss an der Schule ansetzen: Es geht um die Fähigkeit zur unabhängigen Meinungsbildung."





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Dokument erstellt am 2018-05-14 09:48:09
Letzte Änderung am 2018-05-14 10:05:12