• vom 04.06.2018, 17:07 Uhr

Future Challenge

Update: 06.06.2018, 13:28 Uhr

Future Challenge

"Die Neugier erhalten"




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Von Cathren Landsgesell

  • Die Jury der Future Challenge hat gewählt und von den Schülern gelernt, was der Schule heute noch fehlt.

61 Kurzfilme wurden zur Future Challenge "Leben 2030" eingereicht.

61 Kurzfilme wurden zur Future Challenge "Leben 2030" eingereicht.© Collage Irma Tulek/WZ 61 Kurzfilme wurden zur Future Challenge "Leben 2030" eingereicht.© Collage Irma Tulek/WZ

Tatsächlich fragt man sich unwillkürlich, was da eigentlich los ist. Die allermeisten der 61 Schüler-Videos der Future Challenge "Leben 2030" malen die Zukunft in den dunkelsten Farben. Die Jugendlichen lassen keinen Zweifel daran, dass sie nicht an eine Lösung der großen Probleme der Gegenwart glauben. Zukunft, das ist in den meisten Beiträgen eine von Umweltzerstörung, totaler Überwachung und Kontrolle geprägte Welt, die nicht lebenswert ist.

Verstörend düster
Die Düsternis verstört, auch wenn sie oft mit viel Humor vorgebracht wird. "Ich muss zugeben, dass mich dieser Tenor des Ausgeliefertseins an die Probleme überrascht und auch etwas betroffen gemacht hat", sagt Christiane Spiel.

Bildungspsychologin Christiane Spiel ist Teil einer vierköpfigen Expertenjury, die soeben ihre Bewertung der zehn Videos abgeschlossen hat, die während der öffentlichen Votingphase im April auf YouTube die meisten "Likes" bekamen.

Welche Schüler den Videowettbewerb Future Challenge gewonnen haben, erfahren wir erst am Dienstag bei der feierlichen Gala im Naturhistorischen Museum in Wien. An dem 5. Juni werden die Preise der Expertenjury und der Special Award der Redaktion der "Wiener Zeitung" vergeben. Der Expertenjury gehören neben Christiane Spiel der Spartenbildungsbeauftragte und Innungsmeister der Dachdecker, Glaser und Spengler der Wirtschaftskammer Wien, Alexander Eppler, die Regisseurin und Produzentin Nina Kusturica und der Filmemacher Paul Poet an.

"Sie fühlen sich nicht besonders stark"
Insgesamt 61 Schülergruppen aus ganz Österreich und aus allen höher bildenden Schulformen haben sich in diesem Jahr an dem Videowettbewerb der "Wiener Zeitung" beteiligt. Das Thema: "Leben 2030".
Entstanden sind 61 spannende Auseinandersetzungen mit der Zukunft, die zugleich Einblick geben in das Lebensgefühl junger Menschen heute. Die jungen Filmemacher und Filmemacherinnen sind zwischen 14 und 19 Jahre alt und scheinen mehrheitlich überzeugt, dass die Zukunft schlechter sein wird als die Gegenwart. "Ich finde das Problembewusstsein grundsätzlich gut und positiv", sagt Christiane Spiel dazu. "Ich würde mir aber wünschen oder vielmehr hoffen, dass junge Menschen sagen: ‚Ja, wir haben Probleme, aber wir können auch etwas verändern. Wir sind nicht hilflos der Zukunft ausgeliefert.‘" Der Regisseurin Nina Kusturica ging es während des Sichtens ähnlich: "Die Schüler formulieren keine Ansätze, wie sie die Ungleichheit, die sie wahrnehmen, verändern wollen. Sie fühlen sich nicht besonders stark. Das besorgt mich", sagt sie.

Ohnmacht angesichts von Klimawandel und Digitalisierung
Woher kommt dieses Gefühl der Ohnmacht? Muss man die Ursache vielleicht bei den Problemen selbst suchen? "Es ist nur zu verständlich, angesichts der vielen Schrecken der Gegenwart nichts anderes als die Apokalypse zu erwarten", sagt etwa Paul Poet. Der Filmemacher sieht die Gesellschaft in der Verantwortung, die gewaltigen Probleme zu lösen. Er verweist außerdem darauf, dass sich die Politik bisher als unzuverlässig erwiesen hat, wenn es darum ging, glaubwürdige Antworten zu finden – zumindest legen dies die Beiträge der Jugendlichen nahe. "Wir sehen einfach eine Skepsis, dass diese kapitalistische Weltregulation weiterhin funktioniert. Das ist ja eigentlich auch wahr. Von dieser Unverblümtheit sollten wir ganz schnell lernen", sagt der Regisseur.
Alexander Eppler sieht das anders. Man könne nicht "alles vom Staat erwarten", meint der Unternehmer, der eine Spenglerei in Wien führt. "So manche Entwicklung in gesellschaftlicher oder ökologischer Hinsicht gibt oft nicht sehr viel Anlass zu Optimismus. Allerdings muss man den Fakten ins Auge sehen und eigenverantwortlich kreative Lösungen für die künftigen Herausforderungen finden. Letztendlich muss man sich etwas einfallen lassen, was – zugegeben – wir als Eltern- und Großeltern-Generation oft auch einmal ‚verbockt‘ haben", sagt Eppler.

Kann die Schule etwas ändern?
"Wir können entweder sagen, wir sind passiv der Welt, wie sie ist, ausgeliefert und können nur reagieren, oder wir können sagen, wir sind selbst diejenigen, die die Welt gestalten und verändern können", sagt auch Christiane Spiel. Allerdings fragt sie sich, ob denn die Schule junge Menschen tatsächlich in die Lage versetzt, aktiv zu werden. Die Welt verändern und Verantwortung übernehmen zu wollen, setzt Selbstvertrauen und Mut voraus – Fähigkeiten, die die Schule offenbar nicht ausreichend vermittelt: "Die Schule muss sich bemühen, Jugendlichen die Neugier zu erhalten. Sie müsste junge Menschen ständig mit Aufgaben konfrontieren, die nicht eine einzige richtige Lösung haben und die sie nur in unterschiedlich zusammengesetzten Teams lösen können", so Christiane Spiel.

Kinder gebildeter Eltern im Vorteil
Zur größten Sorge der Jugendlichen zählt neben der Angst vor dem unwiederbringlichen Verlust der Natur die Angst vor einer sinnentleerten Existenz: 2030 könnten Maschinen das Alltagsleben bestimmen und die kreativen Fähigkeiten des Menschen überflüssig machen, ist eine der Thesen. Viele Videos warnen außerdem sehr eindringlich vor dem befürchteten Ende der Demokratie. Der zukünftige Staat ist ein Überwachungsstaat, der eben keinen offenen Diskurs mehr zulässt. "Diese warnende Haltung hat uns sehr beschäftigt", sagt Mathias Ziegler, Redakteur der "Wiener Zeitung" und Mitglied der Redaktionsjury. "Wir haben bei der Wahl unseres Favoriten aber bewusst ein Video gewählt, das aufzeigt, dass wir es selbst in der Hand haben, unsere Zukunft auch positiv zu gestalten."

Optimismus, eine Frage der sozialen Herkunft
Ob es gelingt, sich bei aller Angst auf die Zukunft einzulassen, ist letztlich eine soziale Frage, wie Bildungspsychologin Spiel erläutert: "Die Kinder höher gebildeter Eltern sind im Vorteil, weil die sich darum kümmern, dass ihre Kinder in hoch engagierte Schulen kommen. Damit tut sich eine Bildungsschere auf, von der wir alle Nachteile haben werden. Wir müssen schauen, dass möglichst alle die Chance haben, einen Beruf auszuüben, der sie persönlich befriedigt und ihnen zeigt, dass die Gesellschaft sie braucht."





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Dokument erstellt am 2018-06-04 17:08:33
Letzte Änderung am 2018-06-06 13:28:31


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