- © Illustration: Adobe Stock/Anita Ponne
© Illustration: Adobe Stock/Anita Ponne

Die Szene verursacht sogar in der Erinnerung noch Ekel: Hannibal Lecter, Psychiater mit ausgeprägtem Instinkt für eigenwilligen Spaß und Feinschmecker mit einem Faible für das Ausgefallene, lässt den dummdreisten Widerling Paul Krendler Teile von dessen eigenem Gehirn essen. Am Schluss, im Flugzeug, will Lecter sich selbst an der Spezialität delektieren - und den daran sehr interessierten Buben am Nebensitz lässt er obendrein davon kosten. Fehlt eigentlich nur noch nur das obligate "lecker" deutscher Kochsendungen.

Der "Tag des Gehirns" am Sonntag lädt ein, dem biologischen Eiweißcomputer einen Moment lang Aufmerksamkeit zu schenken. Natürlich könnte man jetzt biologische Fakten aufzählen, die gibt es ja zuhauf. Das liest sich dann, Wikipedia sei Dank, so: "Das Gehirn, anatomisch Encephalon genannt (von altgriechisch en, deutsch ‚in‘ und kephale ‚Kopf‘), liegt geschützt in der Schädelhöhle, wird von Hirnhäuten umhüllt und besteht hauptsächlich aus Nervengewebe. In Höhe des Foramen magnum geht es in das Rückenmark über, beide zusammen bilden das Zentralnervensystem." Dann könnte man noch anfügen, dass die Länge aller Nervenbahnen des Gehirns eines erwachsenen Menschen rund 5,8 Millionen Kilometer beträgt, was dem 145-fachen Erdumfang entspricht. Vielleicht gibt es ja jemanden, der sich darunter jetzt ganz konkret eine Ausdehnung vorstellen kann.

Das Gehirn und die Angst

Und dann könnte man noch erwähnen, dass, wissenschaftlich nachgewiesen, die Gehirne von Männern und Frauen in der Größe und Aufbau unterschiedlich sind. Das Gehirn eines erwachsenen Mannes wiegt etwa 1400 Gramm - wobei das männliche Gehirn durchschnittlich um 100 Gramm schwerer ist als das weibliche. Ein Faktum - das nur lehrt: Nicht auf die Größe kommt es an, sondern darauf, was man damit macht.

Aber das sind alles Details, die gerne den Wissenschaftern und Medizinern überlassen seien. Als Schriftsteller bringt Ambrose Bierce in seinem "Wörterbuch des Teufels" die Sache in diese Kurzform: "Gehirn: ein Organ, mit dem wir denken, dass wir denken."

Zumal ja das Gehirn, wie wir spätestens dank des eingangs erwähnten Hannibal Lecter wissen, auch außerhalb der Wissenschaft eine große Rolle spielt. Ja, gewiss auch in der Kulinarik - dort in der Wiener Küche etwa als Kalbshirn mit Ei oder Kalbshirn gebacken. Ja, wirklich, es gibt Menschen, die das gerne essen.

Vor allem aber spielt das Gehirn eine Hauptrolle, wenn es um Gruseleien geht. Das fängt mit dem Gehirn als sozusagen ausführendem Organ an. Der Joseph LeDoux (jetzt kommt doch noch ein Hauch Wissenschaft in die Sache hinein), erklärt, was das Gehirn tut, werden ihm Angstmacher vorgesetzt. Angst, so der US-amerikanische Neurowissenschafter, sei nämlich beim Menschen mehr als nur das Empfinden von Bedrohung. Die Chemie der Angst funktioniere folgendermaßen: Die Erwartung, dass uns Schlimmes zustoßen kann, setze eine chemische Kaskade in Gang. Vor allem über den Botenstoff Glutamat würden Alarmsignale in andere Hirnteile wie den Hypothalamus und dann in den Körper gestreut, führte LeDoux in einem Gespräch mit der "Berliner Morgenpost" aus. Das Nebennierenmark stößt auf Befehl des Gehirns große Mengen des aufputschenden Stresshormons Adrenalin aus, der Blutzuckerspiegel steigt, das Herz schlägt schneller und die Handinnenflächen werden feucht. Und warum sehen manche Menschen gar so gerne Horrorfilme oder lesen mit Leidenschaft Gruselgeschichten? - Wegen des Glücksgefühls nachher. Bleibt nämlich das Schlimmste aus, strömt das beruhigende Wohlfühlhormon Endorphin durch den Körper. Dieser Hormonmix ist für viele Menschen unwiderstehlich - was wiederum jenen Drehbuchschreibern und Horrorgeschichtenautoren zu denken geben sollte, die sich auf hoffnungslose Enden kaprizieren. Bei den Geschichten von H. P. Lovecraft mag das funktionieren, aber, Hand aufs Herz: Wer ist schon ein Lovecraft angesichts dessen, dass ja die meisten nicht einmal ein Stephen King sind?