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Wien. Ein Schüler, der die Zahl Pi bis zur dreihundertsten Stelle auswendig kennt, ist doch sicherlich ein Wunderkind. Oder etwa nicht? Das sei alles andere als Hexerei, meint Ivan Ilic. Es komme einfach nur auf die richtige Merktechnik an.

Ilic ist seit zwölf Jahren als Fachhochschullehrer tätig. Dabei ist ihm aufgefallen, dass sich einige Schüler viel besser konzentrieren und lernen konnten als andere. "Sie waren aber nicht intelligenter als die anderen. Sie hatten nur unbewusst selbst Mnemo-Techniken entwickelt, sei es nun Schnelllesen oder Merksysteme", sagt Ilic. Er habe diese Techniken bei seinen Schülern studiert und weiterentwickelt. Als Ergebnis gründete er 2009 das Mnemo-Institut, wo er Interessierte dabei unterstützt, ihr Gedächtnis zu trainieren.

Für die Nutzbarmachung der Mnemo-Techniken bediente sich Ilic der neurolinguistischen Programmierung. Mittlerweile vorrangig als Rhetoriktraining für Politiker bekannt, ginge es dabei eigentlich darum, psychische Abläufe zu modellieren, was insbesondere bei Therapien benutzt werde, fügt er an.

Das Gehirn, ein paradoxer Koffer

"Das Gehirn ist wie ein Muskel. Mehr noch, es ist wie ein paradoxer Koffer. Je mehr man hineinpackt, desto mehr geht auch hinein. Aber wenn man wenig einräumt, passt auch kaum etwas rein", erklärt Ilic. Training und Wissensaneignung seien daher unumgänglich, um die Kapazitäten des eigenen Gedächtnisses zu erweitern.

Gedächtnisübungen seien ein natürlicher Bestandteil des Lernens. "Das fängt schon bei einfachen Eselsbrücken und Akronymen an, die wir als Kinder verwenden", sagt er. Als Beispiel nennt der Gedächtnistrainer den Spruch "Nicht Ohne Seife Waschen", als Gedächtnisstütze für die Himmelsrichtungen.

Dass solche Stützen jahrelang halten, kann jeder bezeugen, der sich auch im Erwachsenenalter dabei ertappt hat, diese Sprüche im Kopf abzurufen. Ein häufig von Gedächtnistrainern gegebener Ratschlag ist es, Bilder und Geschichten zu Inhalten im Kopf entstehen zu lassen. "Das ist altbewährt und wird als Mnemo-Technik auch oft bei uns angewandt. Beispielsweise wird aus der Zahl 76 ein Koch und aus der 102 ein Bus. Satt 76102 sitzt dann ein Koch im Bus", erklärt Ilic.

Wäre es dabei nicht einfacher, Informationen auswendig zu lernen, statt sich Geschichten ausdenken zu müssen? "Auswendiglernen funktioniert für viel Wissen bei manchen, ist aber nicht von Dauer, bringt also keinen Vorteil. Visualisierungen halten sich Jahre", sagt Ilic. Er ist auch kein Freund davon, vor Prüfungen Massen an Stoff auswendig zu lernen, nur um ihn dann kurzfristig wiederzugeben. Bei Studenten wird das umgangssprachlich "Bulimie-Lernen" genannt und ist keine nachhaltige Methode.