• vom 05.10.2018, 08:00 Uhr

Gehirn


Schwerverbrecher

Vom Bösen gesteuert




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Von Petra Tempfer

  • Schwerverbrecher-Gehirne funktionieren anders: Hirnscans könnten Einzug in die Gerichtssäle halten.

Funkstille im Gehirn: Bei einer Versuchsreihe des Psychologen Birbaumer zeigten Psychopathen keine Angst. Unter anderem reagierte die Amygdala (das "Gefühlszentrum") nicht. - © Arch Gen Psychiatry/Deficient Fear Conditioning in Psychopathy/Birbaumer et al.

Funkstille im Gehirn: Bei einer Versuchsreihe des Psychologen Birbaumer zeigten Psychopathen keine Angst. Unter anderem reagierte die Amygdala (das "Gefühlszentrum") nicht. © Arch Gen Psychiatry/Deficient Fear Conditioning in Psychopathy/Birbaumer et al.



Wien. Phineas P. Gage war als besonnener, pflichtbewusster und freundlicher Vorarbeiter einer amerikanischen Eisenbahngesellschaft bekannt. Vor mehr als 150 Jahren arbeitete er bei Cavendish im Bundesstaat Vermont im Osten der USA. Bis sein Kopf von einer Eisenstange durchschossen wurde. Bei einer Sprengung bohrte sich der etwa einen Meter lange und drei Zentimeter dicke Metallteil unter den linken Wangenknochen und trat oben am Kopf wieder aus. Die Wunde heilte schnell, nur das linke Auge blieb blind - und dennoch war alles anders als vorher. Gages Persönlichkeit schien durch den Unfall unwiederbringlich zerstört worden zu sein. Aus dem freundlichen Vorarbeiter war ein kindischer, unzuverlässiger Choleriker ohne jede Moralvorstellung geworden.

Die Eisenstange hatte das Frontalhirn zerstört. Heute weiß man, dass Charaktereigenschaften bestimmten Gehirnarealen zuzuordnen sind. Sind diese defekt oder verändert, zeigt sich das im Verhalten. "Aus neurowissenschaftlicher Sicht ist klar: Unser Gehirn ist ein ganz zentraler Teil von dem, was wir sind", sagt Thomas Klausberger, Leiter der Abteilung für kognitive Neurobiologie am Zentrum für Hirnforschung der MedUni Wien, zur "Wiener Zeitung". Im Gehirn liege daher auch begründet, welche Moralvorstellungen jemand hat - oder eben nicht hat.


Mildernde Urteile vor Gericht
Das Böse wurzelt also im Gehirn. Der Psychologe und Neurowissenschafter Kent Kiehl von der University of Mexico untersucht seit langem Psychopathengehirne. Gehirne von Menschen, die berechnend, gefühlskalt, furchtlos - und das Paradebeispiel für kaltblütige Killer sind. Im Zuge seiner Forschungen stieß er auf mehrere Ursachen. So war das paralimbische System tief im Gehirn, das bei der Vermittlung intensiver Emotionen entscheidend mitwirkt, bei einigen auffallend inaktiv. Andere wiesen das Urbach-Wiethe-Syndrom auf: eine seltene Erbkrankheit, bei der unter anderem die Amygdala verkalkt, die nicht ohne Grund das "Gefühlszentrum" genannt wird. Und schließlich können Kiehl zufolge auch Schäden im Frontalhirn mit Persönlichkeitsveränderungen wie Triebenthemmung einhergehen - jene Region, die beim Eisenbahner Gage von der Stange durchbohrt worden war.

Vom Verlust jeglicher Werte ist es mitunter nur ein kleiner Schritt in die Kriminalität. Dass ein "Fehler" im Gehirn für dieses Fehlverhalten verantwortlich sein kann, hat sogar schon zu milderen Urteilen vor Gericht geführt. In Italien etwa wurde 2011 eine geständige Mörderin, die ihre Schwester getötet hatte, zu 20 Jahren statt lebenslanger Haft verurteilt. Ein vom Verteidiger eingebrachter Hirnscan hatte nämlich gezeigt, dass ihr Gehirn ein geringeres Volumen hatte. Zudem wies sie eine Mutation im MAO-A-Gen auf, das für die Produktion gewisser Enzyme verantwortlich ist, die im Gehirn wirken und das Aggressionsverhalten steuern. Die gleiche Mutation hatte ein Mörder gezeigt, dem 2009 strafmildernde Umstände zugestanden worden waren - ebenfalls in Italien.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-10-04 15:48:31
Letzte Änderung am 2018-10-04 15:54:02



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