- © gettyimages.com/smartboy10
© gettyimages.com/smartboy10

Wien. Sie wiederholt den Satz mehrmals, weil sie vergisst, dass sie den Gedanken schon ausgesprochen hat. Er geht heute bereits zum fünften Mal in die Apotheke um die Ecke und will Medikamente abholen, obwohl er davon schon unzählige Packungen daheim hat. Der Name des Sohnes oder der Tochter will einfach nicht mehr einfallen. Schneit es gerade? Mitten im Sommer? Demenzkranke verlieren die Orientierung: räumlich, zeitlich und sozial. Sie erinnern sich zwar oft noch lange an das, was sie früher gelernt haben. Aber sie vergessen sich selbst.

Ihr Verhalten kann mitunter verstörend wirken. Der Mensch, mit dem man viele Jahre gemeinsam verbracht hat, verändert seine Persönlichkeit, äußert plötzlich Angst, Unwillen und Aggressivität, manchmal ein enthemmtes Verhalten, eine Unberechenbarkeit, die zwischen Schrei- und Kussattacken schwanken kann.

Demenzkranke brauchen Hilfe im Alltag, die für Angehörige und Pflegende zur Belastung werden kann. "Demenz ist keine gute Krankheit, um damit alleine zu sein", sagt der Schweizer Gerontopsychiater Christoph Held.

Held ist eine Koryphäe auf dem Gebiet der Demenz. Er hat über viele Jahre in Pflegeheimen den Verlust von Nervenzellen im Gehirn, diesen "Art Filmriss" wie er es nennt, beobachtet und seinen Alltag in seinem Buch "Bewohner" niedergeschrieben.

Das Tragische an der Demenz sei, sagt Held, dass sie mit einer völlig verunsicherten Art des eigenen Selbst einhergehe, mit der Frage "Wer bin ich?" Alles, was man im Leben einmal war, verändere und relativiere sich, sagt Held. Alltägliche Verrichtungen können nicht mehr erledigt werden. Auch vertraute Gegenstände und Menschen werden fremd und bedrohlich. Diese Überforderung und innere Zerrissenheit, das Selbst und die eigene Umgebung immer weniger deuten zu können, lasse eine beginnende Demenz oft schwierig von einer Depression unterscheiden.

Jedes Jahr erkranken rund 35.000 Menschen in Österreich neu an Demenz, am stärksten verbreitet ist die sogenannte Alzheimerkrankheit. Bis 2050 rechnet man mit rund 262.200 Erkrankten, was nahezu einer Verdreifachung seit der Jahrtausendwende (95.000) und der Bevölkerung der Stadt Graz entspricht.

Diese Zahlen trügen. Viele Patienten bekommen aus Zeitgründen und falscher Loyalität des Hausarztes, den sie in der Regel seit vielen Jahren kennen, keine Diagnose, obwohl sie schon Symptome haben. Nicht selten nehmen auch Betroffene in den frühen Krankheitsphasen ihre Vergesslichkeit und Desorientiertheit zwar wahr, versuchen diese aber zu überspielen und isolieren sich aus Scham und Angst von ihrem sozialen Umfeld. Die Dunkelziffer der Erkrankten ist weit höher.