Doch der Heimantritt ist für Angehörige ein großes Kapitel, erzählt Michael Smeikal. Smeikal ist stellvertretender ärztlicher Leiter des Pflegekrankenhauses Tokiostraße in Wien. Der Heimantritt sei mit großen Schuldgefühlen der Angehörigen verbunden. Manche fühlen sich durch die Familie unter Druck gesetzt, den Demenzkranken daheim zu behalten. Andere wollen ihr Eheversprechen einhalten und glauben zu versagen, wenn sie nicht ihr gesamtes Leben lang für den Ehepartner sorgen. "Nicht nur die dementen Personen werden bei uns begleitet", sagt Smeikal. "Ganz oft sind es auch die Angehörigen, die psychische Hilfe brauchen, um die Schuldfrage irgendwie verarbeiten zu können." Dafür brauche es aber Zeit und Ressourcen. Beides sei rar in der Demenzpflege.

Das sei auch der Grund dafür, warum noch immer zu selten eine Diagnose gestellt werde. Die Demenzdiagnostik sei kein Röntgen, sagt Smeikal. Dafür reiche kein Befund. Demenz müsse man austesten, sich Zeit für ein Gespräch nehmen, auch weil Demenz ein für Patienten und Angehörige schambehaftetes Thema sei. Beide müssten begleitet und die Frage geklärt werden, was zu tun sei. "Solch lange Arztgespräche sind aber keine Leistung, die die Krankenkasse honoriert", sagt Smeikal. Daher fänden sie praktisch nicht statt. Es gebe generell ein Versorgungsdefizit in diesem Bereich: Anti-Dementiva könne nur ein Facharzt ausstellen, Neurologen und Psychiater im niedergelassenen Bereich seien aber Mangelware und in der Demenzpflege gebe es schon jetzt lange Wartelisten und zu wenig ausgebildete Pflegerinnen. Das alles verstärkt sich noch einmal im Stadt-Land-Vergleich. "Wir werden die Angehörigen brauchen, die daheim pflegen, sie brauchen aber Unterstützung", sagt Smeikal.

Einmal mehr kommt es im Sozialbereich auf spendenfinanzierte Initiativen wie das Café Zeitreise der Caritas an, bei der Demenzkranke und Angehörige an zwei Terminen in der Woche zusammenkommen und malen, plaudern oder turnen - beiderseitig in ihrer Rolle umsorgt werden. Spendenbasiert bedeutet aber auch eine ständige Unsicherheit für solche Initiativen. Projekte wie dieses oder Sensibilisierungsprogramme wie die demenzfreundliche Gemeinde Klosterneuburg in Niederösterreich bleiben daher auch die Ausnahme hierzulande.

Das politische Bewusstsein für eine der größten Aufgaben einer alternden Gesellschaft fehlt noch. Will man dieser Herausforderung gerecht werden, muss dieses aber schnell her, so gesehen ein gemeinsames Leben Lernen mit dem Vergessen. Die Demenz lässt sich nicht aufhalten.