Das hält er für besonders wichtig, da der Schlaf keinen "Totraum" darstellt, sondern das Gehirn auch in dieser Zeit hochaktiv ist. "Wir prozessieren das, was wir untertags ,online‘ gelernt haben im Schlaf ,offline‘", erläutert der Neurologe. "So werden die Verbindungen im Gehirn verstärkt und wir können uns Dinge besser merken." Aber auch andere Sportarten können den Parasympathikus stärken, solange sie zum richtigen Zeitpunkt, nämlich in Einklang mit dem eigenen Biorhythmus, betrieben werden. "Damit können Stressniveau und Schlaf verbessert werden. Geht man aber beispielsweise um 23 Uhr noch ins Fitnessstudio, kann man damit rechnen, dass man sich selbst ein Ei legt." Der Körper bleibt dann nämlich länger aktiviert, außerdem verschiebt das künstliche Licht am späten Abend den Schlafrhythmus nach hinten.

Der eigene Biorhythmus hängt stark vom sogenannten Chronotypus ab. Dieser bestimmt, ob man eher ein Morgen- oder ein Abendmensch ist, und ändert sich im Laufe des Lebens. "Vor allem in jüngeren Jahren sind insbesondere Männer von Natur aus spätere Typen. Man sollte trotzdem berücksichtigen, dass man auf ein Minimum von sechs Stunden Schlaf pro Nacht kommt. Auch hier gilt, dass Sport und Lichtkonsum tagsüber gut und am späteren Abend kontraproduktiv sind", gibt Stefan Seidel zu bedenken.

Auch die westliche Medizin bedient sich mittlerweile verstärkt der fernöstlichen Lehre. In der Neurologie zeitigt Yoga Therapieerfolge, beispielsweise bei Schlaganfallpatienten. Auch gegen das weit verbreitete Restless-Legs-Syndrom können unterschiedliche Formen von Yoga wirksam sein. "Was oft als unruhige und zuckende Beine abgetan wird, ist durchaus eine schwerwiegende Erkrankung. Hier habe ich insbesondere durch Iyengar-Yoga, das auch eigene Positionen lehrt, Therapieerfolge bei Patienten beobachten können", erinnert sich Seidel.

Die Methoden des Yoga können darüber hinaus auch bei psychiatrisch kranken Patienten anschlagen, etwa im Fall von Schizophrenie, erklärt Seidel. "Schizophreniepatienten werden vor allem durch Halluzinationen stark im Alltag beeinträchtigt. Aber auch ihre kognitiven Leistungen lassen nach", fährt er fort. Zu Beginn der Erkrankung tritt oft ein Leistungsknick in Schule, Ausbildung oder Studium ein. "Yoga wirkt dieser Störung im Frontallappen offenbar auf messbare Art und Weise entgegen", betont Seidel.

Nicht jede Art von Yoga
ist als Therapie geeignet

Studien belegen auch Effekte wie die Linderung von Angstzuständen, Stress und eine optimale Regulierung von Affekt und Emotionen. Die indische Entspannungslehre kann demnach zumindest eine gute Ergänzung zu medikamentösen Behandlungen darstellen. Am AKH kommt sie jedoch noch nicht zum Einsatz. "Yoga an sich haben wir nicht im Routineangebot. Wir arbeiten auf der Station für Neurorehabilitation aktuell eher mit Entspannungstechniken wie der progressiven Muskelentspannung oder dem Bio-Feedback-Training", sagt Seidel. "Über die Abteilung für Physikalische Medizin wird aber mit Yoga und ähnlichen Entspannungstechniken gearbeitet. Die Koordination zwischen den Abteilungen ist hier stark ausgeprägt."

Im niedergelassenen Bereich empfiehlt Seidel Patienten darüber hinaus, selbständig Yoga-Trainings zu besuchen, um die Therapie zu unterstützen. Aber nicht alle Arten von Yoga sind für die Therapie beziehungsweise Rehabilitation geeignet. So ist das etwa das bekannte Bikram-Yoga, das unter hohen Temperaturen stattfindet, körperlich sehr anstrengend. "Diese Arten des Yoga belasten zusätzlich das Herz-Kreislauf-System und sind beispielsweise für die Rehabilitation nach einem Schlaganfall nicht geeignet", warnt der Mediziner. Hier ist eher das herkömmliche, entspannende Yoga angebracht.

So sehr Yoga nun nach einem wissenschaftlich fundierten Wundertraining für Körper und Geist klingt, hat die Sache doch einen Haken: Yogis und Forscher sind sich nicht nur bei den positiven Wirkungen einig, sondern auch darin, dass diese nur bei langem und regelmäßigem Training erzielt werden können. "Yoga wirkt offensichtlich langfristig über einen Trainingseffekt", betont auch Seidel. Ein paar mal kurz in der Mittagspause in den Lotussitz zu wechseln, wird also nicht reichen, um das nächste Projekt fokussierter anzugehen.