Neuronale Verschaltungen sind genetisch angelegt. Neugeborene Menschen werden zu Personen, wenn Prägung und Lernen die angeborenen Verschaltungen formen und deren Funktionen laufend modifizieren. "Wasimmer wir im Leben erlernen, ist durch unser sozio-kulturelles Umfeld geprägt. Die laufende Anpassung an unsere sozialen Realitäten gibt uns somit stets neue Wirklichkeiten vor", erläutert Wolf Singer. Da wir jedoch die dahinterstehenden Prozesse im Gehirn nicht spüren können, fehlt uns der Einblick in unser Inneres. Wir sind ganz und gar davon überzeugt, dass die Welt genau so ist, wie wir sie wahrnehmen. Und merken nie, dass alles, was wir erfahren, auf Prägung beruht.

"Es entstehen wirkungsmächtige, immaterielle Realitäten", sagt Singer. "Menschen können gemeinsam einen Sonnenuntergang erleben und sich darüber austauschen, wie schön sie ihn finden. Sie können über immaterielle Qualitäten wie Geiz, Großzügigkeit, Liebe und Hass, Freiheit und freien Willen diskutieren und sich in andere hineinversetzen. Doch sie werden diese immaterielle Welt genauso konkret erfahren wie die Welt der Dinge, und sich als Teile davon erleben."

Wie es scheint, besteht keine Möglichkeit, die eigenen Wahrnehmungen als Konstrukt zu verstehen, weil die Vogelperspektive fehlt: "Wir halten das im Inneren Wahrgenommene für real, und diese Wahrnehmung bleibt unwidersprochen", sagt Singer. Das erkläre auch den Glauben an eine spirituelle Welt: Was wir nicht wissen können, sind wir verleitet, zu glauben.