Sie wurden erschlagen, erstochen, erschossen, zu Todesmärschen durch die syrische Wüste getrieben und dem Tod durch Erschöpfung oder Verhungern überlassen. Dass dies vor 90 Jahren das Schicksal von bis zu 1,5 Millionen Armeniern in der heutigen Türkei war, ist nicht mehr umstritten. "Wer spricht heute noch von der Vernichtung der Armenier?", fragte Adolf Hitler am 22. August 1939, am Vorabend vom Zweitem Weltkrieg und Holocaust. Bis heute umstritten ist aber, ob es sich um den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts handelte.

Die Verfolgung der Armenier begann am 24. April 1915, als das jungtürkische Regime die gesamte armenische Elite in Konstantinopel, dem heutigen Istanbul, verhaften ließ. Verantwortlich war das schattenhafte "Komitee für Einheit und Fortschritt" um Innenminister Talaat Pascha und Kriegsminister Enver Pascha. Und das verbündete Deutsche Reich schwieg dazu.

Die Verfolgung von Armeniern hatte es schon unter Sultan Abdul Hamid II. Ende des 19. Jahrhunderts gegeben. Doch nach der jungtürkischen Revolution 1908/09 steigerten sich Talaat und Enver in den Wahn, ihr Land müsse von allen nicht-muslimischen Elementen "gesäubert" werden. Und als wichtigster "innerer Feind" wurden die 1,5 Millionen Armenier ausgemacht, die schon Jahrhunderte vor der Ankunft der Seldschuken in Ostanatolien gesiedelt und es im Osmanischen Reich als Bankiers, Anwälte, Ärzte, Apotheker, Lehrer, Kaufleute, Unternehmer und Gewerbetreibende zu beneidetem Wohlstand gebracht hatten.

Sadistische Orgien

Seit dem 24. April 1915 wurden sie zusammengetrieben und auf Todesmärschen in die syrische Wüste nach Deir es-Sor nahe der heutigen Grenze zum Irak gepeitscht, wenn sie nicht vorher erschossen, erschlagen, gehängt oder ertränkt wurden. An Sammelpunkten suchten sich türkische Offiziere und Zivilisten wie auf Sklavenmärkten armenische Mädchen und junge Frauen als Konkubinen und Mägde aus.

Auch in den Konzentrationslagern von Deir es-Sol herrschte purer Horror. Die Menschen wurden ermordet, viele starben an Hunger und Krankheiten. Nur Wenigen gelang die Flucht nach Russland. Die Leichen seien in den Kellern wie Feuerholz gestapelt worden, erinnern sich Augenzeugen. Widerstand gegen die Deportationen und das "Große Gemetzel" - oder "Mez Eghern", wie die Armenier sagen - gab es nur vereinzelt. Franz Werfel setzte 1933 anhand eines authentischen Falles in seinem Roman "Die 40 Tage des Musa Dagh" den Armeniern ein Denkmal.

Hart, aber nützlich

Deutsche Konsuln und Offiziere in türkischen Diensten, andere Diplomaten und amerikanische Missionare wurden Zeugen der Gräuel und berichteten nach Hause. Auch die österreichisch-ungarische Monarchie wusste genau, was vor sich ging; etwa durch die umfangreichen Aufzeichnungen des k.u.k. Feldmarschall-Leutnants Joseph Ritter von Pomiankowski.

Die deutsche Botschaft in Konstantinopel beschwor die Führung in Berlin, bei dem Verbündeten vorstellig zu werden. Doch Reichskanzler Theobald von Bethmann-Hollweg winkte ab: Bis Kriegsende würde die Türkei gebraucht, da könne man auf die Armenier keine Rücksicht nehmen. Und in einer deutschen Zensurvorschrift von 1915 hieß es: "über die armenische Frage wird am besten geschwiegen". Der einzige deutsche Reichstagsabgeordnete, der den ersten Massenmord des 20. Jahrhunderts anzuprangern versuchte, war der KPD-Gründer Karl Liebknecht. "Ist dem Herrn Reichskanzler bekannt, dass unsere türkischen Bundesgenossen die Armenier zu Hunderttausenden niedermachen?", fragte er am 11. Jänner 1916 im Reichstag, worauf die Sitzung vom Präsidium mit lautem Glockenklang abgebrochen wurde. Auch der Potsdamer Theologe Johannes Lepsius, Gründer eines armenischen Hilfswerks, setzte Himmel und Hölle in Bewegung - vergebens.

Bis zum Ende des Ersten Weltkriegs 1918 wurden zwischen 600.000 und 1,5 Millionen Armenier getötet, vertrieben oder zur Assimilierung gezwungen. An Erschießungen hatten sich auch deutsche Offiziere beteiligt.

Bei Kriegsende fanden die schlimmsten Kriegsverbrecher mit deutscher Militärhilfe Zuflucht in Berlin. Armenische Rächer übten in einer "Operation Nemesis" Selbstjustiz. Dabei erschoss ein armenischer Student am 15. März 1921 mitten in Berlin Talaat Pascha.

Politik der Verneinung

Frankreich, Kanada, Russland, die Schweiz und die Niederlande haben Jahrzehnte danach gegen zum Teil heftigen türkischen Protest beschlossen, offiziell von einem Genozid an den Armeniern sprechen. Viele andere Staaten - darunter die USA, Großbritannien, Österreich und Deutschland - tun das bis heute nicht. In der Türkei selbst ist das Thema tabu. Bis heute gibt es nicht einmal ein Denkmal, das an die Ereignisse vor 90 Jahren erinnert. Den jüngsten Appellen aus Europa, sich angesichts des angestrebten EU-Beitritts endlich mit diesem dunklen Kapitel der Vergangenheit kritisch auseinanderzusetzen, begegnet Ankara mit Scheinzugeständnissen und PR-Aktionen.