• vom 14.10.2017, 09:00 Uhr

ImPulsTanz


Interview

Maximiere das Minimum!




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Von Verena Franke

  • Die Starchoreografin Anne Teresa De Keersmaeker über ihr Erfolgsstück, Beyoncé und die Einladung zum Plagiieren.

Unterschiedlich in der Gleichartigkeit: "Rosas danst Rosas". - © Anne Van Aerschot

Unterschiedlich in der Gleichartigkeit: "Rosas danst Rosas". © Anne Van Aerschot

Anne Teresa De Keersmaeker in einer Bewegung des Stücks.

Anne Teresa De Keersmaeker in einer Bewegung des Stücks.© Anne Van Aerschot Anne Teresa De Keersmaeker in einer Bewegung des Stücks.© Anne Van Aerschot

1983: Erwin Piplits, künstlerischer Leiter des Serapions Ensembles im Theater am Wallensteinplatz, flattert eine Videokassette auf den Schreibtisch: "So etwas hab ich noch nie gesehen", sagt er begeistert und lädt das kleine Ensemble der vier Frauen mit seiner Leiterin Anne Teresa De Keersmaeker zu einem dreiwöchigen Gastspiel ein. Eine außergewöhnlich lange Vorstellungsreihe, die mit zehn Zusehern beginnt und ausverkauft endet. "Die Kleidung der vier Frauen, die Art, sich zu bewegen, der Umgang mit der Musik waren Zeitgeist pur", war er schon damals der Meinung, und das sprach sich auch in der Szene herum.

2017: Wieder finden Piplits und De Keersmaeker mit ihrem Ensemble Rosas zueinander, diesmal aber im Rahmen von Impulstanz und im Wiener Odeon, wo heute das Serapions Ensemble beheimatet ist. Die belgische Tanzschaffende De Keersmaeker ist heute eine international gefragte Starchoreografin, und das Stück von damals wird auch heute noch gezeigt, rund 35 Jahre danach. ",Rosas danst Rosas‘ überdauert schon einige Tänzerinnen-Generationen, genauer gesagt, tanzt nun bereits die vierte", sagt De Keersmaeker im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". "Die meisten der Tänzerinnen sind in den frühen 90ern geboren", meint sie schmunzelnd. "Als wir Ende Juni in Brüssel die Premiere in dieser Besetzung feierten, war ich extrem glücklich, denn es war das erste Mal, dass man die Originalbesetzung vergaß." Die Choreografin tanzte selbst noch bis vor ein paar Jahren in diesem Stück. "Wir waren damals vier Frauen Anfang 20, die sich gegen eine Wand von Strukturen warfen - auf eine punkmäßige Art und Weise, aber nicht destruktiv. Das ist ein gefährlicher, aber ein fesselnder Ort des Bewusstseins", erinnert sie sich.


Junger Elan
Die neue Generation würde das Original respektieren: "Die Choreografie, die Kostüme, die Musik wurden nicht verändert", so De Keersmaeker. Aber dieser Cast würde dem Stück neuen Elan verleihen, der extrem energisch und drastisch ist: "Diese jungen Frauen schaffen eine Exklusivität - die meisten Zuseher kennen das Stück über den Film von Thierry De Mey aus 1997 von YouTube - für eine neue Generation nicht nur von Zusehern, sondern auch Tänzern und Choreografen."

Außergewöhnlich ist, dass eine Performance auch nach 35 Jahren nicht an Frische und Aktualität verloren hat. "Der weibliche Aspekt in diesem Stück ist entscheidend", so De Keersmaeker. Das Bewegungsrepertoire wäre sehr auf ihre damaligen Werte als junge Frauen fokussiert gewesen: "Eine Kombination aus energiegeladen, kraftvoll, eng verbunden mit dem weiblichen Körper, aber gleichzeitig auch verletzlich und sinnlich. Das ergibt eine sehr dynamische Form eines freudigen Kampfes, aber gleichzeitig auch etwas Intimes. Der feministische Standpunkt war seinerzeit nicht beabsichtigt, denn ich wollte keinem Label angehören", sagt die 56-Jährige. Vielmehr ist das exakte Zusammenspiel in diesem Stück extrem wichtig, dabei darf aber die eigene Persönlichkeit nicht in den Hintergrund treten.

Über die Tanzwelt hinaus
Der Erfolg des Stücks beschränkt sich aber nicht auf die Tanzwelt: 2011 bediente sich die Popdiva Beyoncé für das Video ihres Songs "Countdown" aus De Meys Filmversion von "Rosas danst Rosas". Für De Keersmaeker war es "der Anstoß, die Choreografie freizugeben, und die Initiative Re:Rosas zu starten". Dies sei eine Einladung an alle, die plagiierten Tanzpassagen selbst zu interpretieren und via Clip zu veröffentlichen. Dazu wird als Hilfe in Online-Videos die Originalchoreografie erklärt. Mehr als 400 Videos von Hobby- und halbprofessionellen Tänzern, Kindergruppen und Jugendlichen wurden als weltweites Community-Projekt auf die Plattform hochgeladen und verschaffte somit dieser Performance aus den 80er Jahren und der Choreografin weltweite Bekanntheit.

Für De Keersmaeker steckt das Geheimnis des Erfolgs in "der Verkörperung einer abstrakten Idee". "Diese Performance hat eine mathematisch aufgebaute Architektur, die physisch heftig und auch kämpferisch wirkt." Es ist nicht der Ausdruck von Ärger, wie fälschlicherweise hineininterpretiert wurde. "Es ist die Konzentration auf den Minimalismus, dem Maximieren des Minimums, der schon im Titel ,Rosas danst Rosas‘ steckt: Wir sind wir."




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Dokument erstellt am 2017-10-13 16:12:09



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