• vom 13.07.2018, 16:31 Uhr

ImPulsTanz

Update: 13.07.2018, 16:38 Uhr

Eröffnung Impulstanz-Festival

So viel Nichts




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Von Verena Franke

  • Dave St. Pierre eröffnet grotesk und gleichzeitig berührend das Impulstanz-Festival.

Dave St. Pierre in seinem Solo zwischen Klamauk und Düsterheit. - © Karolina Miernik

Dave St. Pierre in seinem Solo zwischen Klamauk und Düsterheit. © Karolina Miernik

Nichts - "Néant" - sind bei Dave St. Pierre zwei Stunden, die in einem gefühlten Augenblick verfliegen. Und doch ist für den Zuseher Zeit genug, ausgiebig zu lachen, Gummipuppen und Riesenpenisse über sich hinweg zu schleudern und auch animalische Körperstudien oder visuelle Spielereien zu bewundern. "Nichts" kann beträchtlich viel sein.

Schon bei der Eröffnungsrede des Impulstanz-Festivals von Intendant Karl Regensburger wuselt Dave St. Pierre mit blonder Langhaarperücke, nackt in einem durchsichtigen Kleidersack durch die Zuhörermenge, gibt mit hoher Kreischstimme nicht immer verständliche Kommentare ab. Weiter geht es dann im Zuschauerraum des Theater Odeon: "Hinsetzten, die Vorstellung ist schon zehn Minuten zu spät!", kreischt er weiter. Man ist schon mitten drinnen in seiner Performance, denn von der sogenannten dritten Wand zum Zuseher hält Dave St.Pierre gar nichts. Vielmehr ist das Publikum Teil des Ganzen. Irgendwann kommt er dann auf die Bühne und erzählt, dass er auf den gleichen Festivals war wie Pina Bausch, Jan Fabre oder auch Marina Abranović. Schon imitiert, fast parodiert er Zitate aus ihren bekannten Stücken. Anne Teresa De Keersmaeker darf das Publikum selbst erraten. Abranovićs Dauerperformance würzt Dave St. Pierre mit einem Riesenpenis-Pendel, reger Zuschauerbeteiligung, Situationskomik und Slapstick. Szenenwechsel.

Information

Performance
Néant/Void
Dave St. Pierre (Choreografie, Performance)
Stefan Boucher (Musik)
Theater Odeon im Rahmen von Impulstanz
Wh. am 16. Juli

Spaßvogel-Dave
versus Düster-Dave

Der andere Dave St. Pierre spricht nicht, hüllt sich in Dunkelheit: "Denn im Alltag bin ich manchmal ein Mann, manchmal ein Tier, aber meistens etwas Verstörendes zwischen den beiden", sagt er im Vorfeld. Sein Körper wird im geschlossenen Sack zur Projektionsfläche für zuerst verspielte Animationen. Keuchend und nach Luft schnappend klettert er, eingehüllt in dichten Nebel, aus dem Sack. Es scheint, dass sich hier kein Mensch mehr zuckend bewegt, vielmehr ein Tier, irgendwo zwischen Affe und Vogel. Bedrohlich gruselig ist diese Mischung aus anschwellenden wummernden Beats (Stéfan Boucher) und herausragender Lichtregie (Hubert Leduc-Villeneuve), die im Schattenspiel der Muskeln Buckel oder Flügel erkennen lässt. Manches wie die Schlusspose erinnert an Körperhaltungen aus "Schwanensee". Szenenwechsel.

Und schon hopst wie ein kleines, aufgeregtes Kind die Blondine im hellen Arbeitslicht. Diese Nacktheit ist das einzige Kostüm, das die Bühnenfigur kleiden kann. "Langweilig" ist wieder ihr Kommentar, er/sie entschuldigt sich auch für Düster-Daves Einlagen. Spaßvogel-Dave hingegen will dem Publikum nun auch noch eine tragische Geschichte darbieten: Er lässt aus fünf aufblasbaren Bambis, die zuvor vom Publikum Namen erhielten, die Luft aus, langsam sieht man sie "sterben". Es funktioniert. Grotesk. Einige verlassen die Performance, Spaßvogel-Dave bedauert das, "vielleicht gehen sie ja nur auf die Toilette".

Der frankokanadische Künstler gilt in der Szene als wilder Rebell, und auch in dieser österreichischen Erstaufführung steht der Körper einmal mehr im Mittelpunkt. "Néant" gleicht einem Spiel, das viele Themen, auch autobiografische, anreißt und bei genauerem Hinsehen vertieft. Zu- und Einlassen ist dafür aber Voraussetzung.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-07-13 16:38:13
Letzte Änderung am 2018-07-13 16:38:59



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