Buchstaben und Zahlen sind am Bühnenboden aufgemalt, wie eine Anleitung für ein imaginäres Schnittmuster; von der Bühnendecke baumelt eine gewaltige Installation aus langen bunten Wollseilen samt Nadeln wie eine Farbwelle auf der sonst nachtschwarzen Bühne. Auftritt Matteo Sedda: Im schwarzen, wehenden Fantasiekostüm und strahlendweißen Handschuhen legt der italienische Tänzer ein gekonntes Solo hin, eine Miniatur voll Witz und Präzision.

Die Aufführung "The generosity of Dorcas" hat der belgische Bühnenstürmer Jan Fabre eigens für Sedda entwickelt. Ausgangspunkt für die Tanzerfindungen ist ein Wunder aus der Apostelgeschichte: Petrus hat eine mildtätige Jüngerin namens Dorkas, die als Näherin Kleider an die Armen verteilte, aus dem Reich des Todes zurückgeholt.

In den Seilen hängen

Anfangs erweist sich Sedda als raffinierter Entertainer. Er mimt einen Pistolero, im nächsten Augenblick stellt er einen Zauberer dar, wenig später gleitet er in Michael Jacksons Moonwalk über die Bühne, auch Voguing fehlt nicht sowie technisch fordernde Sprünge. Sedda zeigt vertraute Bewegungsabläufe, die er von einem Moment auf den nächsten durchbricht und auf überraschende Weise variiert. Zunehmend geht der Abend, unterstützt von Dag Taeldemans basslastiger Musik, in Richtung Ekstase. Bald wirbelt Sedda im Kreis wie ein Derwisch, schließlich legt er ein Kleidungsstück nach dem anderen ab. Die Bühne ist in blutrotes Licht getaucht, der entblößte Performer hängt an zwei Seilen. Lasst ihn leben!