Neu-Delhi. Ein landesweiter Urnengang in der größten Demokratie der Welt ist ein unglaubliches logistisches Meisterwerk. Zwischen 7. April und 12. Mai sind 814 Millionen Inder aufgerufen, die 16. Lok Sabha (Unterhaus) zu wählen. Beobachter rechnen mit einem Machtwechsel, denn die Enttäuschung über die Arbeit der völlig deskreditierten Regierungspartei von Premier Manmohan Singh ist groß.

"Schimmelpilz der Stagnation"

Nachdem die 1990er-Jahre von einer Politik gekennzeichnet waren, die Indien die Tür zur Welt öffnet, bleibe die nun zu Ende gehende Legislaturperiode (2009 bis 2014) mit einem "Schimmelpilz der Stagnation" verbunden, urteilte die Zeitschrift "India Today" kürzlich. Mehr als die Hälfte der Sitzungszeit der Lok Sabha entfiel, weil die Abgeordneten streikten. Korruptionsskandale lähmten Singhs Koalitionsregierung, die Wirtschaft schwächelt, die Inflation ist hoch, die Armut grassiert. Kein Wunder also, dass viele Wähler - insbesondere die Jungen (unter 35), die 65 Prozent der Wahlberechtigten ausmachen - der regierenden Traditionspartei Congress und der von ihr geführten Vereinten Fortschrittsallianz (UPA) die Unterstützung entziehen.

Dass die Kongresspartei als Sieger der Parlamentswahl hervorgeht, damit rechnet mittlerweile kaum noch jemand. Rahul Ghandi, Spross der Nehru-Ghandi-Dynastie und Spitzenkandidat der Partei, versuchte mit der Ankündigung eines umfassenden Wohlfahrtsprogramms einige der Unzufriedenen auf seine Seite zu ziehen. In dem kürzlich vorgestellten Manifest werden zudem scharfe Maßnahmen gegen Korruption angekündigt. Doch das Einlenken könnte zu spät sein, auch wenn dem 43-Jährigen wohl schon alleine dank seines Namens einige Millionen Stimmen der verarmten Landbevölkerung sicher sein dürften.

Als "Macher" beliebt

In Umfragen liegt jedoch die oppositionelle Indische Volkspartei (Bharatiya Janata Party) weit vor den anderen großen Parteien. Ihr Spitzenkandidat und Ministerpräsident des westindischen Staates Gujarat, Narendra Modi, gilt als "Macher" und ist besonders bei Wirtschaftstreibenden beliebt. Weil die hindunationalistische BJP aber bereits von 1999 bis 2004 eine Koalitionsregierung aus über 20 Parteien und Gruppierungen (Nationale Demokratische Allianz) angeführt hatte, sind die Wähler auch ihr gegenüber skeptisch.

Anders die "Partei des einfachen Mannes" (Aam Aadmi Party, AAP): Entstanden aus einer Bürgerbewegung, genährt durch Wut und Enttäuschung über die herrschende, korrupte Kaste, ist sie eigentlich eine klassische Protestpartei. Ähnlich wie in vielen anderen Ländern stieg auch in Indien die Unzufriedenheit mit der Politik in den vergangenen Jahren konstant an. Seit 2010 beherrscht das Thema der fast schon endemischen Korruption die innenpolitische Diskussion, die im August 2011 im zwölftägigen Hungerstreik des Bürgerrechtlers Anna Hazare und damit verbundenen Massenprotesten kulminierte. Und genau hier liegen auch die Wurzeln der AAP.

Erfolg der AAP: eine Unbekannte

Wie groß ihr Potenzial ist, lässt sich am Abschneiden der erst 2012 gegründeten Anti-Korruptionspartei ablesen. Im Dezember eroberte AAP-Chef Arvind Kejriwal zumindest kurzzeitig den Posten des Chefministers in der Region Delhi. Sogar Wirtschaftsnobelpreisträger Amartya Sen war angesichts dessen "geneigt zu Jubeln". Bei den bevorstehenden Parlamentswahlen ist der Erfolg der AAP die große Unbekannte. Aber ebenso wie zahlreiche Kleinst- und Regionalparteien, die in den vergangenen Jahren in Kommunalwahlen stark zulegten, könnte die Protestpartei künftig in der Politik Indiens gehörig mitmischen. Die Verkündung der Wahlergebnisse ist für den 16. Mai (am 31. Mai soll das neue Parlament erstmals zusammentreten) geplant.

Zuvor ist aber noch viel logistisches Geschick gefragt, um einen reibungslosen Ablauf des Wahlspektakels auf dem Subkontinent zu gewährleisten. Die Zahlen: Innerhalb von fünf Wochen wird in neun Runden ein 543-köpfiges neues Parlament gewählt. Den 814 Millionen Wahlberechtigten (zum Vergleich: in Österreich rund 6,4 Millionen) stehen in 930.000 Wahllokalen (in Österreich rund 10.000) rund 1,4 Millionen elektronische Wahlapparate zur Verfügung. 200.000 Polizisten und Soldaten sorgen für Sicherheit während des Urnengangs, obwohl Wahlen seit der Unabhängigkeit des Landes im Jahr 1947 und trotz großer ethnischer und religiöser Unterschiede, weitgehend friedlich verliefen.