Souverän navigieren sie wie Schattenboxerinnen durch ihre Heimat, die jungen wie alten Fashionistas in ihren engen Mänteln ebenso wie die religiösen Tschadoris, die den Zipfel ihres schwarzen, Cape-ähnlichen Umhangs mit dem Mund festhalten, sodass der weite Stoff sie auch weiterhin züchtig umhüllt. Sie gehen schnell und bestimmt. Jeder Schritt ist ein Statement. Diese Art Frau bin ich, respektiere mich, geh mir aus dem Weg, und wage es ja nicht, mich anzusprechen. Besonders am Abend ist der Scheuklappenlauf zu beobachten. Er ist schneller als untertags.

Denn am Abend soll Frau nicht mehr alleine losziehen. Dann bricht die Zeit "der Wölfe" an, wie es die Teheranis nennen. Bei Einbruch der Dunkelheit sind die meisten Frauen nur mehr in Begleitung zu sehen. Ob mit Familie, Ehemann oder Freundinnen. Nur das Rudel schützt sie gegen die Wölfe.

Die Stimme

Privatsphäre ist Luxus im Iran. Das Individuum schuldet dem Kollektiv jederzeit und überall Rechenschaft. Ob im Bus, am Arbeitsplatz, im Café oder in den eigenen vier Wänden. Wer dem entkommen will, übt sich in der Kunst des lautlosen Sprechens. Es lässt sich überall beobachten. Zu Hause, wenn die Cousine die Verabredung mit dem Kommilitonen rekonstruiert, während die Mutter an der Tür lauscht, im Café, wo der Freund über die Isolationshaft im Gefängnis erzählt, und die Hipster an den Nachbartischen so tun, als würden sie auf ihren Laptops arbeiten, im Busabteil, wo zwei Frauen sich gegenseitig tonlos anjapsen, während die restlichen Anwesenden versuchen, den Inhalt der Konversation mitzuverfolgen. Erfolglos. Es ist ein kleiner Sieg im kollektiven Rechenschaftszirkus. Nur wer sein Stimmvolumen steuern kann, gewinnt ein Stück Privatsphäre, Freiheit, Kontrolle.

Je mehr Zeit vergeht, umso besser beherrscht man auch diese Kunst. Zuerst wird die Stimme leiser. Und irgendwann bewegen sich nur noch die Lippen. Die Metamorphose ist damit beendet. Der Panzer hat sich formiert. Dem neugierigen Blick ist ein starrer gewichen, dem schlendernden Gang ein Sprint und der lauten Stimme ein tonloses Lippengeschürze. Der Körper ist soweit. Nun ist der Geist an der Reihe.

Der Geist

37 Jahre Islamische Revolution, acht Jahre Krieg mit dem Nachbarland Irak und zehn Jahre Wirtschaftssanktionen haben die Iraner zu Meistern der Resilienz gemacht. Je höher der Druck, umso raffinierter ihr Ventil, ihn entweichen zu lassen. Ihr verbietet uns Alkohol? Wir saufen uns ins Koma. Ihr blockt unsere Internetseiten? Wir basteln die Software, um euren Filtern zu entgehen. Ihr sperrt unsere Zeitung zu? Wir gründen eine neue.

Doch mein Geist hat Schwierigkeiten, sich anzupassen. Er ist verweichlicht. Gottesstaat, Repression und Tradition sind nicht die üblichen Rahmenbedingungen, mit denen er konfrontiert ist. Er denkt nicht in Abzweigungen und Schlupflöchern. Und wie es sich am Geschicktesten entlang der roten Linien, die der Staat vorgibt, balancieren lässt. Im Gegenteil. Er will nicht balancieren. Er will ganz weit weg von dieser roten Linie. Zu präsent sind jene, die es nicht getan haben. So wie die einstigen Präsidentschaftskandidaten, die unter Hausarrest stehen, weil sie das Regime hinterfragt haben. Wie der Regisseur, der sich mit ihnen solidarisiert hat und seither Berufsverbot hat und das Land nicht verlassen darf. Wie die Grafikerin, die von den falschen Leuten eine Tierkarikatur gezeichnet hat und nun hinter Gittern sitzt. Und wie der entfernte Bekannte, der eigentlich vorhatte, Medizin zu studieren. Eines Tages wollte er ein bisschen Nervenkitzel. Er ging mit seinen Freunden auf die Straße demonstrieren. Es war der falsche Tag für ein Abenteuer. Man verschleppte ihn in ein Untergrundgefängnis und prügelte ihn dort zu Tode.

Sie alle haben den Balanceakt gewagt. Und sie alle sind gescheitert. Nun sind sie meine ständigen Begleiter. Bei jedem Treffen, bei jeder Taxifahrt, bei jedem Gespräch, bei jeder Frage und vor allem bei jeder Antwort. Sie sorgen für die Schere im Kopf. Solange, bis ich sie irgendwann nicht mehr spüre und beginne, eine Fähigkeit zu entwickeln, die hierzulande als Tugend gilt: die Lüge.

Die Lüge

Nur wer die Lüge als Kunstform begreift, hat den Iran verstanden und eine Chance, hier Fuß zu fassen. Tarnen und Täuschen gehören zum intellektuellen Rüstzeug jedes Iraners - und das unabhängig von Klasse, Alter, Ideologie, Bildung oder Religiosität. "Das Lügen ist eine Konsequenz des Überlebens in einem repressiven Regime, das glaubt, sich in die intimsten Angelegenheiten seiner Mitbürger einmischen zu dürfen", schreibt die britisch-iranische Journalistin Ramita Navai in ihrem jüngsten Buch, "City of Lies: Love, Sex, Death and the Search for Truth in Tehran".

Doruhi. So nennt sich der Modus Operandi im Iran seit der Islamischen Revolution 1979. Es bedeutet so viel wie Janusköpfigkeit. Seit 37 Jahren ist das Leben der Iraner in zwei Welten geteilt. In die Welt da draußen, mit all ihren Regeln, Verboten, Sittenwächtern und Spitzeln, und die Welt in den eigenen vier Wänden, mit dem Alkohol, den Partys, der Satellitenschüssel mit den iranischen Exilsendern und dem Leben, wo alles erlaubt ist - sofern man Geld und vor allem die Familie hat, die dabei mitspielt.

Das wahre Leben findet im Untergrund statt. Die Galerie mit den Aktbildern. Das Rockkonzert. Das Ballett der Frauen. Alles ist versteckt. Es ist kein kleiner Untergrund. Er umfasst das ganze Land. Mal spielt er sich in einer Privatwohnung ab, mal im Hinterraum einer Moschee, mal in der Hütte in den Bergen, mal im Zelt in der Wüste und mal in der Bucht einer verlassenen Insel. Es sind kleine Oasen. Jeder weiß von ihnen, auch die Behörden. Da macht sich keiner etwas vor. Nur hat man beschlossen, beide Augen fest zuzudrücken, solange Diskretion herrscht - und die Summe stimmt. Nur der Fremde ist ahnungslos und bringt damit alle in Gefahr. So wie jüngst ein litauischer Journalist, der die Welt an der Lebensfreude junger Iraner teilhaben lassen musste und von ihrer Party-Insel im Persischen Golf berichtete. Heute feiert dort keiner mehr. Sie mussten sich eine neue Insel suchen. Und ihre Auswahl wird immer kleiner.