Längst beschränkt sich die Lüge nicht mehr auf eine Welt. Sie hat sich in jede Nische des Privaten gemischt, in jede Familie, jede Beziehung, jede Freundschaft, jedes Lachen. Die Wahrheit ist nur für naive Wohlstandskinder aus dem Westen. Im Iran ist sie unleistbar geworden.

Die vergangenen zehn Jahre haben ihren Tribut gefordert. Die Sanktionen haben die Iraner zermürbt. Im Jänner 2016 wurden sie aufgehoben. Bejubelt wurde der Atomdeal von Wien. Doch der Wirtschaftsboom lässt auf sich warten. Die ausländischen Investoren zieren sich noch, in das Land zu kommen.

Das Trauma

"Wir sind eben kaputt. Was willst du von uns?", fragen die Iraner und lächeln traurig. Es sind junge Männer und Frauen, in meinem Alter, geboren und aufgewachsen nach 1979. Sie kennen nur die Islamische Republik, ihre Restriktionen, ihre Neins, ihre Isolation. Und sie sind es müde, nach Abzweigungen und Schlupflöchern zu suchen. Ihr Ventil zum Druckablassen ist rostig geworden. Wie abgehalfterte Boxer parieren sie die Schläge, die das Leben austeilt. Immer langsamer und immer schwerfälliger werden sie dabei. Als Vorbilder taugen sie nichts, behaupten sie.

Sie gehören zur "Generation 2009". So werden sie mittlerweile genannt. Was für ihre Eltern das Jahr 1979 war, war für sie das Jahr 2009. Eine Chance. Ein Aufbruch. Und genau wie ihre Eltern, sind auch sie gescheitert. 2009 kandidierte der einstige Premierminister Mir Hussein Mussavi bei der Präsidentschaftswahl gegen den Amtsinhaber Mahmoud Ahmadinejad. Nach vier Jahren waren die Leute des prolligen Underdog der Hardliner überdrüssig. Sie sehnten sich nach einer neuen Ära. Mir Hussein, wie sie seinen Kontrahenten liebevoll beim Vornamen nannten, versprach ihnen genau das. Mehr Rechte, mehr Freiheit und internationales Prestige. Irans junge Generation war angefixt. Abgebrühte Nihilisten standen plötzlich auf der Straße und verteilten seine Flyer. Unpolitische It-Girls und It-Boys jubelten ihm in den Stadien mit grünen Fähnchen zu, der Farbe von Mussavis Wahlkampf. Von einer grünen Revolution war die Rede. Zum ersten Mal nach Jahrzehnten wagten Exiliraner nach günstigen Flügen gen Teheran zu googeln, so gewiss schien ihnen Mussavis Sieg am 12. Juni.

Es kam anders. Ahmadinejad wurde noch in der Wahlnacht als Präsident bestätigt. Seine Gegner sprachen von Betrug und zogen auf die Straße. Die Antwort des Regimes ließ nicht lange auf sich warten. Der Protest wurde gewaltsam niedergeschlagen, Dutzende getötet, Hunderte inhaftiert. Mir Hussein Mussavi und seine Frau Zahra Rahnavard wurden unter Hausarrest gestellt. Bis heute.

Das Jahr 2009 war ein Wendepunkt für viele. Es hat das Leben in ein davor und danach geteilt. Das Danach ist nur mehr damit beschäftigt, sich zu betäuben, von einer Hausparty zur nächsten zu torkeln und davon zu träumen, das Land zu verlassen. Bei jeder Gelegenheit tauscht man sich aus über Stipendien, Visa und potenzielle Ehepartner im Ausland. Egal wo. Hauptsache weg.

Die Hoffnung

Sieht so die endgültige Anpassung im Iran aus? Ist es das, woran ich mich gewöhnen muss? Eine Kapitulation auf Raten? Meine Freunde lächeln. Sie sind amüsiert über das Pathos, die Anerkennung und die Betroffenheit für ihre Lebensumstände. "Was weißt du schon von unserem Leben?", bricht es zu später Stunde aus ihnen heraus, wenn der hochprozentige Alkohol die persische Höflichkeit beiseite gespült hat.

Ein Außenstehender wird nie verstehen, was es bedeutet, fünf Tage lang mit verbundenen Augen in einer Einzelzelle darauf zu warten, bis einer kommt. Was es heißt, wenn Kriegstreiber in Amerika und Israel davon fantasieren, die Heimat in Schutt und Asche zu bomben, so wie es 2011 Woche für Woche der Fall war. Was es mit einem macht, dem anderen Geschlecht - das nicht zur Familie zählt- erst auf der Universität zum ersten Mal richtig zu begegnen. Und er wird auch nicht verstehen, wie man in diesem Land durchhält. Die Phrase "Wir haben uns daran gewöhnt" ist keine Kapitulation. Es ist ein Mantra. Egal, wie sehr ihr den Druck erhöht, wir finden immer noch ein Ventil, und sei es noch so rostig. Zynismus ist für Anfänger.

Sie, die Profis, haben gelernt, ihre Hoffnung zu dosieren. Es reichen kleine Anlässe. Sei das ein unaufmerksamer Beamter, der Zuckungen am Ende des Theaterstücks nicht als Tanz bewertet und die Aufführung daher gewähren lässt (wäre es ein Tanz gewesen, hätte er ihn verbieten müssen); die abstrakte Skulptur von zwei innig verschlungenen Liebenden im Stadtpark, die keiner so interpretieren will, um sie möglichst lange genießen zu können; der Visa-Antrag für die Konferenz in Berlin, der nach drei Anläufen durchgeht, und die Rückkehr, die ohne lange Investigationen des Geheimdienstes am Flughafen überstanden ist.

Das sind die Momente, nach denen es Ausschau zu halten gilt. So sieht Hoffnung im Iran aus. Bescheiden. Gewöhn dich auch daran, westliches Mädchen. Der Iraner braucht nur ein bisschen frische Luft. Ein kleiner Spalt reicht. Schon beginnt sich sein gepanzerter Körper zu wehren. Er hustet und niest. Und plötzlich sind sie auch bei ihm wieder da, die harten roten Klumpen im Taschentuch. Und man ist erleichtert. Ob nach fünf Monaten, fünf Jahren oder fünf Jahrzehnten. Sie werden immer da sein. Ein kleiner Spalt reicht. Das westliche Mädchen hat seine Lektion gelernt. Und fährt nach Hause. Fürs Erste.