IS verlagert den Kampf


Ein von der irakischen Armee im Kampf um Ramadi gefangen genommener Dschihadist berichtet über die schwindende Kampfeslust seiner Kollegen in Anbar. Die Versorgung der Provinz, die zu 90 Prozent von Daesh kontrolliert wird, ist nicht mehr uneingeschränkt aufrecht zu erhalten. Die Preise der Lebensmittel stiegen in den Wochen der Kämpfe ins nahezu Unermessliche, Treibstoff ist kaum mehr zu bekommen, Wasser wird immer knapper. Auch aus anderen Teilen des Kalifats dringen ähnliche Nachrichten. Das Zusammenspiel der irakischen Armee, den Sunniten- und Schiitenmilizen im Zentrum Iraks, der Peschmerga im Norden mit den Amerikanern und der internationalen Allianz verbessert sich. Die Luft für den Kalifen wird dünner. In dieser misslichen Lage erinnert sich Bagdadi an einen Klassiker arabischer Propaganda und droht in seiner neuesten Videobotschaft Israel. "Wir haben Palästina keine Sekunde vergessen", es werde bald zum Friedhof der Juden. Soll heißen: Wenn wir da, wo wir jetzt sind, Niederlagen erleiden, gehen wir woanders hin. Das hat sich ohnehin in jüngster Zeit gezeigt. Die IS-Terrorzellen auf dem Sinai in Ägypten und in Libyen gewinnen an Bedeutung, Anschläge in Europa nehmen zu. Die Attacke in Istanbul auf eine deutsche Reisegruppe ist hier die neueste Entwicklung.

Wenn auch die Terrormiliz in den letzten Monaten erheblich unter Druck geraten ist, geschwächt ist sie deshalb noch lange nicht. So erfolgte gleichzeitig mit dem Beginn des dritten Angriffs der irakischen Armee auf Ramadi Mitte Dezember ein Angriff von Daesh auf Mossul, um die Gegner dort auszubremsen. Eine IS-Attacke auf Tikrit zeigte den Anspruch der Terrormiliz, die einstmals in ihrer Hand befindliche Heimatstadt Saddam Husseins abermals zurückerobern zu wollen. Doch selbst wenn Daesh aus den Städten und Provinzen des Kalifats vertrieben werden kann, wird der Dschihadismus nicht verschwinden. Neue Extremisten werden auf den IS folgen, so wie Daesh auf Al Kaida gefolgt ist. Einen Vorgeschmack auf künftige Schlachtfelder gibt es bereits. Die Zuspitzung der Spannungen zwischen dem radikal schiitischen Iran und dem nicht weniger radikal sunnitischen Saudi-Arabien bergen einen besorgniserregenden Sprengstoff.