Marawi/Wien. Sie werden "Selbstmordkommandos" genannt - aber das ist als Kompliment gemeint. Diese Männer gelten als Helden. Die Rettungsteams von Marawi retten Zivilisten - in einem Umfeld, das gefährlicher nicht sein könnte. Marawi, eine Stadt im großteils muslimischen Südwesten der ansonsten katholischen Philippinen, hat sich in ein Schlachtfeld verwandelt. Mit dem Islamischen Staat (IS) verbündete Milizen haben Teile von Marawi erobert. Seit fünf Wochen versucht das Militär, die Stadt zu befreien. Die Armee kann zwar Geländegewinne vermelden, einige Viertel sind aber immer noch in der Hand der Islamisten.

Von den rund 300.000 Einwohnern, die Marawi einst hatte, sind die meisten geflohen. Die Vertriebenen sind entweder bei Verwandten oder in einem der überfüllten Auffanglager rund um die Stadt untergekommen. Doch einige Zivilisten sind in Marawi noch eingeschlossen, keiner weiß, wie viele es sind, Schätzungen gehen von ein paar hundert aus. Immer wieder erreichen die Rettungsteams Nachrichten von Zurückgebliebenen, die festsitzen oder sich versteckt halten, um nicht von den Islamisten als Geisel genommen zu werden. Dann setzen die freiwilligen Helfer ihre Helme auf und fahren in die Stadt. Unter Lebensgefahr - sie könnten von einem Scharfschützen oder Querschläger getroffen werden oder in einen Hinterhalt geraten. "Wir sind alle in Marawi aufgewachsen", sagte der Student Abdul Azis Lomondot, der bei solchen Einsätzen mitmacht, der Nachrichtenagentur Reuters. Die derzeitigen Zustände würden ihnen "das Herz brechen".

Vor rund fünf Wochen haben islamistische Verbände Teile der Stadt erobert. Dabei handelt es sich um Mitglieder der Abu-Sayyaf-Miliz, die in den vergangenen Jahren immer wieder durch Entführungen und Enthauptungen ihrer Opfer auf sich aufmerksam gemacht hat. An ihrer Seite kämpft die sogenannte Maute-Gruppe, benannt nach den Brüdern Omar und Abdullah Maute - Extremisten, die aus einer wohlhabenden Familie stammen.

Beide Gruppierungen haben dem IS die Treue geschworen. Sie werden von ausländischen Kämpfern unterstützt, die offenbar aus Indonesien, Malaysia, aber auch aus arabischen Staaten stammen. Ziel der Extremisten ist es, Marawi zu einem Kalifat zu machen. Die Flagge des IS weht über der Stadt, die, wie Überlebende der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" berichteten, in Trümmern liegt und in der Leichen auf offener Straße verwesen.

Obwohl die Armee immer mehr Soldaten in die Region schickt, ist es ihr noch nicht gelungen, die Terroristen aus Marawi zu vertreiben. Die islamistischen Kämpfer sind laut Berichten von Militärs gut ausgebildet und skrupellos - sie nehmen Zivilisten als Geisel und verwenden sie als menschliche Schutzschilde. Sie setzen Scharfschützen ein und legen Sprengfallen. Einen derartigen Häuserkampf kennt die philippinische Armee nicht.

Fanatiker mit Söldnermentalität

Immer mehr IS-Kämpfer sehen sich nach neuen Betätigungsfeldern um, seitdem der Traum vom Kalifat in Syrien und im Irak ausgeträumt ist. Mossul ist so gut wie gefallen, die IS-"Hauptstadt" Rakka ist von einer hochgerüsteten Allianz umzingelt. Bis dato gibt es keine Hinweise darauf, dass kampferprobte IS-Fanatiker in großer Zahl nach Europa strömen, um Selbstmordattentate durchzuführen. Die Selbstmordattentäter werden via Internet-Propaganda vor Ort "angeworben".

Die Männer, die sich dem Islamischen Staat angeschlossen haben und die aus dem Irak und Syrien entkommen können, verfügen neben blindem Fanatismus über eine ausgeprägte Söldnermentalität. Ziele dieser Kämpfer sind Länder, die über keine gefestigten staatlichen Strukturen verfügen, die im Chaos versinken.

So sind zahlreiche IS-Terroristen nach Afghanistan ausgewichen, wo sie mit lokalen Kräften und gemeinsam mit den Taliban für einen Gottesstaat kämpfen. Der IS hat sich auch an der Grenze zu Pakistan festgesetzt und das Tunnelsystem von Tora Bora in Besitz genommen. Zuletzt gelang es der afghanischen Armee, die Höhlen zu räumen. Geschlagen ist der IS nicht, hunderte Kämpfer haben vor wenigen Tagen im Norden zahlreiche Dörfer unter ihre Kontrolle gebracht.

Auch Libyen, wo nach dem Sturz von Machthaber Muammar al-Gaddafi das Chaos herrscht, ist ein guter Nährboden für den IS. Bei den meisten Terroristen in Libyen soll es sich um Tunesier oder Jemeniten handeln. Mit dem IS verbündete Gruppen gibt es in der Region um Tripolis, Barka und Kyrenaika. In Ägypten haben Extremisten auf dem Nordsinai dem IS Gefolgschaft geschworen, eine Gruppe nennt sich "Islamischer Staat - Provinz Sinai". Diese Gruppen stützen sich stark auf Waffen, die aus Libyen ins Land geschmuggelt werden. Immer wieder kommt es zu Angriffen auf Regierungssoldaten.

In Algerien haben sich einige radikalislamische Gruppen dazu entschlossen, Al-Kaida den Rücken zu kehren und sich dem IS anzuschließen. So gibt es etwa die Gruppe Dschund al-Chilafa, die einen französischen Touristen enthauptet hat. In Tunesien hat die islamistische Ukba-ibn-Nafi-Brigade dem IS Gefolgschaft zugesichert. Tausende Tunesier kämpfen in den Reihen des IS immer noch in Syrien und im Irak, ihre Ausbildungslager befinden sich zum großen Teil in Libyen. Im Jemen, wo seit 2015 ein Bürgerkrieg tobt, hat sich der IS ebenfalls breitgemacht.