Ich würde eher Rückzugsort sagen. Wie wir in Marawi auf den Philippinen gesehen haben, ist es für den IS durchaus möglich, Orte unter Kontrolle zu bekommen. Es wird von Kämpfern berichtet, die vom Kalifat auf die Philippinen gegangen sind, um sich dort den Dschihadisten anzuschließen. Das ist nicht unwahrscheinlich. Seit den Kriegen in Afghanistan haben wir einen stetigen Wechsel von dschihadistischen Kadern von einem Land zum anderen. Die Besetzung Marawis ist ein recht deutliches Zeichen dafür. Es ist tatsächlich eine Art Rückzugsgebiet. Die Wahrscheinlichkeit für den IS, sich dort zu etablieren, ist gut. Er kann hohes theologisches und militärisches Kapital anbieten. Die Gegend ist sehr unübersichtlich und die Sicherheitsbehörden sind vielleicht etwas zu sehr mit der Jagd auf Drogenhändler beschäftigt, sodass sie woanders keine Kräfte mehr frei haben. Genauso in Indonesien. Mit dem Unterschied, dass die Sicherheitsbehörden in Indonesien sehr viel besser aufgestellt sind. Sie kennen und kontrollieren die Netzwerke und können häufig auch vorbeugend eingreifen. Dass dabei immer wieder kleine Teams durchrutschen ist klar. Das kann niemand zu Gänze kontrollieren.

In Südostasien gab es bereits vor dem Auftreten des IS extremistische Gruppen. Sind diese Konkurrenz oder Brückenkopf für den IS?

Teilweise sind es Konkurrenzorganisationen, die inhaltlich den militärischen Dschihad aber ebenso befürworten. Die "Front der Verteidiger des Islam" zum Beispiel ist eine gewaltbereite Gruppe in Indonesien, die aber nur lokal agiert. Das ist ein wesentlicher Unterschied zum sogenannten Islamischen Staat.

Inwiefern?

Diese Gruppe hat im letzten Jahr große Demonstrationen gegen die Regierung mitorganisiert. Sie hat aber auch Minderheiten gewaltsam angegriffen. Es gibt eine Reihe solcher extremistischer Strömungen in Südostasien - ein gedankliches Milieu, das sich für dschihadistische Ideen ganz hervorragend eignet, um daran anzukoppeln. Das ist der Humus, auf dem die fauligen Blüten des Dschihadismus blühen. Genauso wie es im IS genug Gelehrte gegeben hat, die in Saudi-Arabien ihre Ausbildung genossen haben. Auch wenn die Tatsache manchen Leuten nicht gefällt. Aber das ist eine andere Geschichte.