Am Anfang stand eine Krise. Am Anfang der Demokratie. Wegen der Habsucht und Unersättlichkeit führender Zirkel war ein Großteil der Athener Bevölkerung in Armut und Verschuldung geraten. Bürgerkrieg drohte. Doch dann wurde der gesellschaftliche Konflikt auf eine völlig andere Weise gelöst, auf eine Weise, die Weltgeschichte machte: Etabliert wurde die Demokratie.

Mit dieser Erzählung leitete Ursula Baatz, die Kuratorin des Symposion Dürnstein, ihren Beitrag bei der Veranstaltung in Wachau im März ein. "Die Alternative zu Demokratie ist Demokratie" lautete der Titel. Denn trotz aller Schattenseiten der antiken Form, in der nicht einmal die Hälfte der erwachsenen Bewohner stimmberechtigt waren, hat die Demokratie ihre Anziehungskraft nicht verloren. "Die Ingredienzen, die der Weise Solon den Athenern vor zweitausendsechshundert Jahren verordnete, sind einfach und bis heute gültig: eine gerechte soziale Ordnung, die aktive Beteiligung und Mitverantwortung aller Bürger an politischen Entscheidungen, für alle verbindliche Gesetze als Grundlage der gesellschaftlichen Ordnung", meint Baatz.

Allerdings wird heute erneut von einer Krise gesprochen - von einer der Demokratie. Diese sei bedroht vom Populismus, von einer Abkehr von liberalen Werten, heißt es da. Statt Offenheit gebe es einen Rückzug in Nationalismen, in die engen Grenzen der eigenen Gewohnheiten. Die Angst vor dem Fremden werde geschürt, seinesgleichen überhöht. Politiker, die diese Ängste bedienen und schnelle Problemlösungen anbieten, werden gewählt. Daher darf sich auch in den Jubel über die hohe Wahlbeteiligung bei der EU-Wahl im Mai auch etwas Unbehagen mischen: Denn es waren vor allem jene Parteien, die mit Schutzversprechen und EU-Skepsis operiert haben, die ihre Sympathisanten mobilisieren konnten. Dass sich auf der anderen Seite des politischen Spektrums etwa die Grünen über Stimmengewinne freuen konnten, ist wiederum keineswegs ein europaweites Phänomen, vielmehr ein nordisches. Ein paneuropäischer Trend ist paradoxerweise der Nationalismus.

Illiberale Grenzverschiebungen

Wie sehr bedroht das die Demokratie? Krise hin oder her - Demokratie war schon immer ein Schaffensprozess und kein festes Gefüge, das, einmal errichtet, jeder Erschütterung standhält. So können einigen Bürgern Verformungen mit autoritären Zügen durchaus attraktiv erscheinen. Die illiberale Demokratie, wie sie Ministerpräsident Viktor Orban versteht und für die es noch genug Unterstützung bei Urnengängen gibt, findet nicht nur in Ungarn ihre Anhänger und Bewunderer. In Polen, aber auch in manchem westeuropäischen Land blicken einige Politiker neidisch auf den Umbau des Staates, der die Macht des Zentrums stärkt. Dabei haben die Menschen in Polen und Ungarn sich über die Jahrzehnte jene demokratischen Standards erkämpfen müssen, die nun ausgehöhlt werden könnten von demokratisch gewählten Volksvertretern.