Die ersten Corona-Fälle wurden Ende 2019 bekannt. Damals rechnete kaum jemand fix damit, dass uns die Pandemie so lange und intensiv beschäftigen würde, wie sie es tut. Jetzt aber folgt ein Lockdown dem anderen. Einige heimische Intensiv-Stationen sind trotz Zusatzbetten schon jetzt zu 100 Prozent belegt. Was erwartet die Menschheit im dritten Pandemie-Jahr 2022? Manche Aussichten sind gut: Medizin und Pharmaindustrie arbeiten an neuen Therapien und Impfungen. Andere geben Anlass zur Sorge: Speziell Länder mit niedrigen Impfraten und einer hohen Impfskepsis können sich nur schleppend erholen.

Das Gute zuerst: Als Fixstarter für 2022 gilt ein "Totimpfstoff". Die Europäische Kommission kann bis zu 60 Millionen Dosen des möglichen Corona-Vakzins des österreichisch-französischen Unternehmens Valneva kaufen.

Für kommendes Jahr billigte die EU-Kommission am Mittwoch formell einen Vertrag über 27 Millionen Dosen, weitere 33 Millionen können, so gewünscht, 2023 erworben werden, teilte die Brüsseler Behörde mit. Den EU-Staaten stehen somit Bezugsrechte für den Impfstoff auf der Basis von inaktivierten Viren, den auch zahlreiche Impfskeptiker als akzeptabel erachten, zu, sobald dieser von der Europäischen Arzneimittelagentur zugelassen ist.

Hersteller Valneva rechnet nach eigenen Angaben damit, dass er mit der Auslieferung im April 2022 beginnen kann. Es handle sich "um eine klassische, seit 60 bis 70 Jahren eingesetzte Technologie mit bewährten Verfahren und sehr hoher Sicherheit". Dieses komme auch bei den meisten Grippe-Impfstoffen und zahlreichen Vakzinen gegen Kinderkrankheiten zum Einsatz. Es sei der einzige Impfstoffkandidat gegen Covid-19 auf Basis inaktivierter Viren, der derzeit in Europa in klinischen Studien getestet werde. Der Vertrag sieht laut EU-Kommission auch vor, dass das Vakzin an neue Corona-Varianten angepasst werden kann.

Fixstarter "Totimpfstoff"

Für zunehmend besser durchgeimpfte reiche Länder ist anzunehmen, dass das Coronavirus im kommenden Jahr drei der Pandemie seinen Griff auf die Volksgesundheit, die Gesundheitssysteme und den Alltag wohl lockern wird. Durch die Impfungen sinkt die Zahl der schweren Krankheitsverläufe und Todesfälle durch Covid-19. Ärmere Länder müssen aber wohl damit rechnen, dass die abträglichen Konsequenzen der Pandemie länger andauern, was die Einkommensschere weiter öffnen wird. Die Bill & Melinda Gates Foundation, eine der größten Stiftungen der Welt, geht davon aus, dass das Durchschnittseinkommen in 90 Prozent der reichen, aber nur in einem Drittel der ärmeren Länder zum Niveau vor Corona zurückkehren wird. Schwierigkeiten bereiten Verteilungsprobleme, vor allem in ärmere Länder, sowie eine Impfskepsis in reicheren Ökonomien, wie sie derzeit etwa in Österreich, Deutschland und Holland bemerkbar ist. "Beide Faktoren führen zu mehr Todes- und Krankheitsfällen, mehr Infizierten und einer schleppenden wirtschaftlichen Erholung", schreibt der britische "Economist" in einer Sonderausgabe zur unmittelbaren Zukunft der Pandemie mit dem Titel "The World Ahead 2022".

Wenn dennoch einiges gut geht, könnte die Immunität gegen Sars-CoV-2 im Laufe des kommenden Jahres aber allmählich so weit ansteigen, dass Fallzahlen bis Mitte 2022 nachhaltig sinken und wenig bis keine neuen Corona-Varianten entstehen. Das wäre der Punkt, an dem das Virus nicht pandemisch grassiert, sondern endemisch existiert.

Neue Impfungen könnten helfen, dem Treiben von Sars-CoV-2 ein Ende zu setzen. Das US-Unternehmen Moderna, Hersteller von mRNA-Impfstoffen, arbeitet nach eigenen Angaben an einem Vakzin, das gegen mehr als eine Variante des Erregers schützen soll. Moderna-Chef Stephane Bancel gab außerdem kürzlich in einem Zeitungsinterview bekannt, eine Corona-Impfung als Bestandteil einer kombinierten Immunisierung gegen Atemwegsviren zu entwickeln, die bereits ab 2023 einsatzbereit sein könnte. Bancel rechnet mit einem Ende der Pandemie im kommenden Jahr, zumal genügend Dosen vorhanden seien, um alle Menschen impfen zu können. Ab Mitte 2022 dann werde aus Covid-19 so etwas wie eine "normale Grippe".

In Forschungslabors wird außerdem an Rezepturen für mRNA-Vakzine gearbeitet, die sich gefriergetrocknet, und damit leichter, in alle Welt transportieren lassen. Auch Möglichkeiten für Impfungen als Pflaster zum Aufkleben auf die Haut oder zum Inhalieren werden getestet. Experten erwarten, dass mRNA-Impfungen aufgrund ihrer hohen Effektivität und Anpassungsfähigkeit an neue Mutanten die Vakzine der Wahl sein werden.

Österreich kauft Medikamente

Im Bereich Therapien gelten antivirale Medikamente als vielversprechend. Beschlossen wurde in Österreich die Bestellung neuer Corona-Medikamente von Pfizer und Merck, die Anfang kommenden Jahres eintreffen sollen. Zudem habe man Medikamente bestellt, die sich derzeit in Zulassung befinden und die "sehr hoffnungsfroh stimmen", sagt Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein am Mittwoch. Von Molnupiravir von Merck & Co (MSD) wolle man insgesamt 80.000 Therapiezyklen beschaffen, von Paxlovid von Pfizer 270.000 Zyklen. Insgesamt sind im Budget 50 Millionen Euro für diese Beschaffungen vorgesehen.

Antivirale Medikamente können in Pillenform eingenommen werden, wodurch Covid-19 leichter behandelbar wird. "Das größte Risiko bleibt allerdings, dass eine Mutation auftaucht, die die die Immunantwort durch die Impfung umgeht", analysiert der "Economist": "Das Coronavirus ist und bleibt ein respekteinflößender Feind." Dass mit respekteinflößend auch furchteinflößend gemeint ist, untermauert eine Studie im Fachmagazin "Nature", wonach die Covid-19-Pandemie allein in Europa weitere 300.000 Leben kosten könnte. Die Berechnung beruht auf der Anzahl der Menschen, die nicht geimpft sind und noch nie Covid hatten, in 19 europäischen Ländern. Laut den Modellen könnte die Pandemie zu einer weiteren Million Hospitalisierungen führen, berichtet die London School of Hygiene and Tropical Medicine auf dem Preprint-Server "medRxiv". In Europa sind bisher 1,4 Millionen Menschen Covid-19 zum Opfer gefallen.