Am 18. November 2021 verbreitet sich die tragische Nachricht in den österreichischen Medien: Im Krankenhaus Rohrbach ist ein Patient verstorben, der statt einer Corona-Impfung das Entwurmungsmittel Ivermectin eingenommen und jede andere Behandlungsempfehlung der Ärzte abgelehnt hatte.

Sein Tod stellt nicht nur einen schweren Verlust für die Angehörigen dar. Er ist auch eine von vielen kleinen Niederlagen, die die Wissenschaft seit Ausbruch der Corona-Pandemie im Kampf gegen die Seuche hinnehmen musste. Das Auseinanderklaffen zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis und sich in tragischen Fehlentscheidungen kristallisierendem Misstrauen vieler Menschen ist ein in diesem Ausmaß neues Phänomen, dem sich die Wissenschaft in den kommenden Jahren wird stellen müssen.

Noch nie war Forschung auf so vielen Ebenen gefordert wie in der Pandemie. - © apa / Hans Klaus Techt
Noch nie war Forschung auf so vielen Ebenen gefordert wie in der Pandemie. - © apa / Hans Klaus Techt

Dabei wäre die Corona-Krise geradezu eine Sternstunde der Wissenschaft. "Die Pandemie führt uns vor Augen, dass wir viele Gefährdungen ohne Wissenschaft gar nicht erkennen, erklären und behandeln könnten", schreibt der Soziologe Alexander Bogner in seinem Essay "Was kann die Wissenschaft bei Pandemien leisten?": "Ohne die Wissenschaft wäre das Coronavirus gar kein Virus, sondern eine dunkle Heimsuchung des Schicksals."

Zur Leistungsbilanz: Im Dezember 2019 landeten Menschen mit schweren Lungenentzündungen unbekannter Ursache in Spitälern der chinesischen Metropole Wuhan. Innerhalb von nur vier Wochen war das Coronavirus Sars-CoV-2 vollständig entschlüsselt. Die weltweite Zusammenarbeit von Medizin, Politik und Pharmaindustrie machte bereits ein Jahr später die ersten Impfstoffe gegen die neue Infektionskrankheit in Rekordgeschwindigkeit verfügbar. Das Regionalbüro der Weltgesundheitsorganisation (WHO) für Europa berichtet, dass Vakzine gegen Covid-19 schon im ersten Jahr ihrer Zulassungen allein auf unserem Kontinent einer halben Million Menschen das Leben gerettet haben. "Dagegen dauerte es Jahrhunderte, bis man wirklich verstand, wie sich die Pest verbreitet", stellt Bogner in seiner von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften prämierten Analyse fest.

Hypothese und Widerlegung, Kontroverse und Kritik

Die Erforschung des Coronavirus beherrscht seit zwei Jahren den öffentlichen Diskurs, mit einer Fortsetzung 2022 ist zu rechnen. Virologinnen, Immunologen, Vakzinologinnen, Genetiker, Molekularbiologinnen und Komplexitätsforscher sind in die Stabstellen politischer Chefberater vorgerückt. Anja Karliczek, Wissenschaftsministerin im Kabinett Angela Merkel IV, definierte trefflich eine neue Form der Zusammenarbeit: "Wissenschaftliche Erkenntnisse leiten die Politik und leiten uns wie selten zuvor."

Von Corona-Maßnahmen zur Verbesserung des R-Werts über die Rezeptor-Binde-Domäne bis zu Varianten und Mutanten: Noch nie hat eine breite Öffentlichkeit sich so regelmäßig mit wissenschaftlichen Begriffen und Inhalten beschäftigt wie jetzt, weil alle Menschen direkt betroffen sind. Jeder kann sich anstecken, alle müssen zu Hause bleiben und im Supermarkt Masken tragen, niemand darf ins Lokal gehen oder seine Mitmenschen nach Lust und Laune umarmen, weil Forschende festgestellt haben, dass alles andere die Pandemie nur noch heftiger wüten lässt und die Politik Evidenz in Verordnungen gießt.

Die neue, prominente Rolle der Wissenschaft steht im Widerspruch zu ihren Arbeitsrhythmen. Worin wissenschaftliches Arbeiten besteht, beschrieb der französische Rationalist René Descartes (1596 bis 1650): Ausgehend von der Erkenntnis, dass Sinneseindrücke täuschen könnten, suchte der Philosoph Gewissheit in sich selbst. "Cogito, ergo sum" ("Ich denke, daher bin ich"), postulierte Descartes in seinem autobiografischen Werk "Abhandlung über die Methode". Man solle nichts für wahr halten, das nicht so klar und deutlich erkannt werde, dass es nicht in Zweifel gezogen werden könne. Wer zweifle und hinterfrage, könne daraus schließen, dass er denke und somit existiere.

Die wissenschaftliche Praxis beruht auf Hypothese und Widerlegung, Beweis und Gegenbeweis, Kontroverse und Kritik. Am Beginn eines Weges zu einer Erkenntnis stehen viele mögliche Hypothesen, von denen die allermeisten im Laufe des Erkenntnisgewinns widerlegt werden. Indem sich die Bandbreite der Möglichkeiten verändert oder auch einengt, schafft wissenschaftliches Arbeiten eine Basis für Tatschen. Fakten entstehen aus dieser institutionalisierten Skepsis, wobei der Zufall eine große Rolle spielt - Heureka-Momente passieren manchmal bekanntlich unerwartet, ganz wie von selbst und sogar in der Badewanne: Tiefere Einsichten lassen sich nicht erzwingen.

Die Öffentlichkeit will aber Ergebnisse sehen. Denn der Hausverstand ist geneigt, anzunehmen, dass Wissenschafter gezielt nach Lösungen für Probleme suchen und diese dann fix-fertig als unverrückbar präsentieren, Fakten seien ja schließlich Fakten. 2+2=4, die Erde ist rund und dreht sich um die Sonne.

Der Wissenschaft
bei der Arbeit zusehen

Oftmals vergessen wir dabei, dass heute selbstverständlich scheinendes Wissen nicht in allen Zeiten so klar war. Für mathematische Beweise musste entsprechende Formeln verstanden werden. Galileo Galilei entging 1633 nur knapp der Hinrichtung durch die Inquisition, weil diese vom heliozentrischen Weltbild nichts wissen wollte. Und um nachzuweisen, dass ein winziges Teilchen namens Higgs Boson für die Existenz von Masse verantwortlich ist, mussten das Europäische Kernforschungszentrum Cern in Genf gebaut und zahllose Versuche in einem riesigen Teilchenbeschleuniger durchgeführt werden.

Der riesige Widerspruch ist, dass die Menschheit seit zwei Jahren an einem wissenschaftlichen Prozess teilnimmt, der sie im Alltag massiv betrifft, sich aber in Schritten vorwärts bewegt, die einander konterkarieren können. Die Öffentlichkeit schaut der Wissenschaft bei der Arbeit zu und sieht dabei einen Typus von Wahrnehmung, der für sie ganz und gar ungewöhnlich ist.

"Die Wissenschaft wurde in einer für sie unerwarteten Weise in die Mitte der Gesellschaft katapultiert und sieht sich nun damit konfrontiert, ihre Position dort neu bestimmen zu müssen", schreibt die Wissenschaftsforscherin Helga Nowotny in einem "Policy Brief" zum Jahreswechsel: "Sie steht im Zentrum der Aufmerksamkeit, doch wird ihr längst nicht die kognitive Autorität zuteil, die ihr nach ihrem Selbstverständnis zusteht."

Nicht immer macht nämlich die Politik, was die Wissenschaft empfiehlt. Wissenschaft strebt nach Wahrheit, Politik aber sucht Kompromisse. Zugleich müssen erstmals alle Mitglieder der Gesellschaft komplexe Sachverhalte und deren Auswirkungen auf mehreren Ebenen verstehen - etwa, dass eine Impfung nicht ausnahmslos, sondern zu einem bestimmten Prozentsatz wirkt; dass eine Mutation böse und weniger böse ausgehen kann; und dass es Wochen und Monate dauert, all dies überhaupt festzustellen.

Vieles, was wir am Anfang der Pandemie gehört haben, gilt heute nicht mehr, und nicht alle wissenschaftlichen Studien führen zum gleichen Ergebnis. Weiters werden Erklärungen nicht immer richtig interpretiert. So meinte der deutsche Virologe Christian Drosten im Vorjahr, es gebe keine Belege dafür, dass das Tragen von Masken zu milderen Krankheitsverläufen bei Corona-Infektionen führe. Von manchen verstanden wurde jedoch, er habe gemeint, die schützende Wirkung von Gesichtsmasken gegen Sars-CoV-2 sei nicht belegt. Heute weiß man: Masken verhindern Ansteckungen mit Covid-19.

Im Oktober 2020 gipfelte ein innerwissenschaftlicher Streit über die Schärfe von Anti-Corona-Maßnahmen in der "Great Barrington Declaration". Drei Gelehrte hochrangiger britischer und US-Universitäten forderten ein Ende der Lockdown-Politik, da diese zur Verschlechterung der öffentlichen Gesundheit und einer Verschärfung der sozialen Ungleichheit führe. Seit dem haben wir gelernt: Gerade die unbeliebten Maßnahmen Lockdown, Abstand und soziale Einschränkungen senken die Corona-Infektionszahlen schnell, selbst wenn die Kinder, wie in Österreich vergangenen Herbst, dabei in die Schule gehen.

Mit dieser Inhomogenität von Information kann die Öffentlichkeit nicht so leicht umgehen. Sie erwartet seitens der Wissenschaft Tatsachen, die unverrückbar und richtig sind. Der Wissenschaft wiederum ist es in den vergangenen beiden Jahren ebenso wenig gelungen wie der Politik, die sich faktenorientierte Entscheidungen auf die Fahnen schreibt, dies entsprechend zu erklären.

Vor allem können die Fakten sich ändern

"Es geht weniger darum, die Kommunikation zwischen Wissenschaft und Gesellschaft zu verbessern, als um das, was vermittelt werden soll - und das ist der Forschungsprozess selbst", betont Wissenschaftsforscherin Nowotny. Denn die Fakten sind anfangs entweder nicht bekannt oder noch nicht komplett, besonders komplexe Sachverhalte sind schwer darzustellen und zu verstehen; und vor allem können die Fakten sich ändern.

Reaktionen auf diese Unsicherheit zeigen sich am Beispiel des Klimawandels. Überschwemmungen in Deutschland und Österreich, Dürre in der Sahel-Zone, Waldbrände in Amerika, Hitze in Sibirien: Es gibt kaum Naturkatastrophen, zu denen der Klimawandel nicht beiträgt. Die Erwärmung der Atmosphäre sorgt dafür, dass sich außerordentliche Wetterlagen häufen und extremer werden. Jedoch ist die Schuldfrage im Detail kompliziert. Laut dem jüngsten Bericht des Weltklimarats IPCC können zum Beispiel, gerechnet ab Anfang 2020, noch 400 Gigatonnen an Kohlendioxid in die Atmosphäre abgegeben werden, um das 1,5-Grad-Ziel nicht bis 2030 zu verfehlen. Laut Mercator Resarch Institute in Berlin bleiben bei derartigen Rechnungen allerdings viele Unsicherheitsfaktoren bestehen, die sich aus unterschiedlichen Definitionen des 1,5-Grad-Ziels, unterschiedlichen Annahmen über die Klimasensitivität und den Grad der bisherigen Erwärmung, sowie der zukünftigen Entwicklung anderer Treibhausgase ergeben.

Differenzierte Befunde entziehen sich der Vorstellungskraft, speziell wenn Unwägbarkeiten noch von anderer Seite dazu kommen. Auch in der Steinzeit erwärmte sich nämlich die Erde um zwei Grad und die Wissenschaft rätselt über die Gründe. Für eine Öffentlichkeit, die mit Wissenschaft wenig vertraut ist, kann angesichts dessen der Eindruck entstehen, Experten wüssten eigentlich nichts und würden ständig bloß ihre Meinung ändern. Begreiflich zu machen, dass dies kein Makel und auch nicht Ausdruck einer geheimen Weltverschwörung ist, wird die Aufgabe nicht nur des nächsten, sondern vieler nächster Jahre sein. In der Krisenkommunikation sei es wichtig, zwar Hoffnung zu machen, aber auch mögliche Enttäuschungen und Rückschläge proaktiv zu kommunizieren, sagt Kathrin Westhölter im "#Faktenfuchs"-Interview des Bayerischen Rundfunks. Die Expertin für Krisenkommunikation an der Akkon Hochschule in Berlin hebt hervor, dass viele Mitglieder der Gesellschaft aus offiziellen Aussagen oft nur das herauszögen, was in ihr Wunschbild passe. Menschen seien keine rein verstandesmäßig gesteuerten Wesen.

Wir müssen lernen, Unsicherheit auszuhalten

Völlig gescheitert sei die Krisenkommunikation in der Pandemie trotzdem nicht, sagt Westhölter: Immerhin würden wir alle eine Reihe von Forschenden mit ihren Einsichten und Einschätzungen kennenlernen und die Mehrheit deren Arbeit vertrauen, wie sich an steigenden Impfquoten zeige. Schwierig falle es aber, die Unsicherheit und Vorläufigkeit der wissenschaftlichen Erkenntnisse auszuhalten. In der Forschung sei das völlig normal, doch im Alltag sei es ungewohnt, dass sich Erkenntnisse mit der Zeit weiterentwickeln.

Um eine Reihe fundamentaler Missverständnisse zu vermeiden, würde es sicher helfen, eine gemeinsame Sprache zu finden. Was passiert, wenn es sie nicht gibt, zeigt eine Aussage der Europäischen Arzneimittel-Agentur EMA in Bezug auf den Corona-Impfstoff von AstraZeneca: Der Nutzen der Impfung überwiege die Risiken. Aus Sicht einer Gesundheitsbehörde ist das zwar ein verständliches Statement, das ein übergeordnetes Kriterium für die Zulassung beschreibt. Im normalen Sprachgebrauch klingt es jedoch so, als würden 51 Prozent für und 49 Prozent gegen den Vektorimpfstoff sprechen. Dass die EMA von vornherein eine extrem strenge Risikoabwägung vornimmt, die hohe Sicherheit erfordert, können Laien der Formulierung nicht entnehmen.

Eine immer wesentlichere Übersetzerrolle kommt dabei dem Wissenschaftsjournalismus und der Wissenschaftskommunikation zu. "Was hierzulande am meisten fehlt, ist eine übergreifende, koordinierte und nachhaltige Strategie zur Wissenschaftskommunikation", betont Nowotny: "Das Wissenschaftsministerium hat dabei eine Schlüsselfunktion als Hauptakteur, um eine breite Allianz zu schaffen." Ein Vorbild sei Deutschland, wo Wissenschaftskommunikation im Koalitionsvertrag steht.

Eine Strategie zur Wissenschaftskommunikation wäre in Österreich insbesondere deshalb wichtig, weil unser Land an einer besonders ausgeprägten Wissenschaftsskepsis leidet. In der jüngsten "Eurobarometer"-Umfrage zum wahrgenommenen Stellenwert, Nutzen und Vertrauen in die Forschung liegt Österreich bei allen Fragen abwechselnd mit Rumänien an letzter und vorletzter Stelle. Laut Universität Wien bestätigt sich ein "wissenschaftsbezogener Populismus". Und laut einer Umfrage des Austria Corona Panel Project ist hierzulande ein Viertel der Bevölkerung sogar der Meinung, dass man sich mehr auf den gesunden Menschenverstand als auf Studien verlassen sollte. Das wiederum gibt Parteien, die mit falschen Corona-Mythen auf Stimmenfang gehen, mehr Raum als in anderen Ländern.

Doch selbst wenn all diese Ziele seitens der Forschung und ihrer Proponenten erreicht werden, wird das verhindern, dass manche an einer Vergiftung mit Parasitenmitteln elend zugrunde gehen? Nein! Denn gegen den Parasit der Ignoranz ist auch die bestvermittelte Wissenschaft machtlos.