• vom 28.12.2014, 09:05 Uhr

Jahresvorschau 2015

Update: 23.01.2015, 09:42 Uhr

Marktwirtschaft

Nach dem Stillstand








Von Simon Rosner


    - © Karikatur: Wolfgang Ammer

    © Karikatur: Wolfgang Ammer

    Es ist Samstag, und vor dem Geschäft im ersten Wiener Bezirk hat sich eine Schlange gebildet, die sich bis zur Theke fortsetzt. Ein Mann kommt heraus, er hat es geschafft. Der Triumph hängt in Form eines Papiersackerls an seiner Hand, drinnen: ein Brot. Ist das ein Vorbote einer düsteren Zukunft? Menschen, mitten in Wien, die sich um Brot anstellen? Ein Vorbote vielleicht, aber eher für die Lösung eines Problems, auf das Europas und Österreichs Wirtschaft zusteuert: dauerhaftes Niedrigwachstum.

    Kann Bio-Brot die Lösung sein?

    Kann Bio-Brot die Lösung sein?© Andreas Pessenlehner Kann Bio-Brot die Lösung sein?© Andreas Pessenlehner

    Noch ist das Gros der heimischen Wirtschaftsforscher vorsichtig mit einem derartigen Befund. Die OECD hat aber bereits eindringlich vor einer Phase dauerhafter Stagnation im Euroraum gewarnt. Wenn sie richtig liegt, wird es auch in Österreich nötig sein, die Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik neu zu denken. Denn kostspielige Konjunkturprogramme sind wegen der Budgetrestriktionen (EU-Stabilitätsprogramm) unmöglich, und beim Export ist die österreichische Politik naturgemäß weitgehend Zuschauer. Das beschränkt die Handlungsoptionen massiv, doch eine Alternative zur Idee des steten Wachstums hat die Politik nicht wirklich in ihrem Portfolio. Wachstum dient nach wie vor als Vehikel für Wohlstand und Beschäftigung, wie im Kleinen bei der Bäckerei in Wien.

    Das Callcenter als Inbegriff der neuen Wirtschaft.

    Das Callcenter als Inbegriff der neuen Wirtschaft.© fotolia Das Callcenter als Inbegriff der neuen Wirtschaft.© fotolia

    Vor drei Jahren hat Josef Weghaupt seine Bäckerei "Joseph" eröffnet. Das Brot ist bio, das Getreide regional, der Teig wird manuell bearbeitet und das Brot doppelt gebacken. So wie früher einmal. Das Joseph-Brot ist eine Mischung aus Zeitgeist und Nostalgie, und das hat seinen Preis. Das Kilo kostet fast sieben Euro, das ist bis zum Vierfachen von Supermarktbrot. Die Nachfrage war dennoch groß genug, sodass Weghaupt vor einem Jahr eine zweite Filiale eröffnet hat.


    Doch wie kann nun Brot eine Lösung für Stagnation sein? Es geht um einen alternativen Ansatz zur geltenden Politik, die im steten Wachstum das gesellschaftliche Glück verortet. Dieser Ansatz basiert auf der von der Industrie geprägten Idee, dass mit demselben Einsatz mehr vom Gleichen produziert werden kann. So wie einst beim Brot durch Knetmaschinen, automatisierte Anlagen und fertige Backmischungen. Das kostete Arbeitsplätze, in der Regel niedrig qualifizierte, unproduktive, schuf aber neue, bessere, etwa Maschinentechniker.

    Walter

    Die Gleichung von damals funktioniert aber heute nur mehr bedingt. Der technische Fortschritt hört zwar nicht auf, doch die Produktivitätsgewinne von einst sind in einer hochentwickelten Volkswirtschaft nicht mehr zu erwarten. Trotzdem wird um jedes Zehntelprozent Konjunktur gerungen, als wäre dies die Lösung aller Probleme. Dabei läuft man Gefahr, mit genau dieser bedingungslosen Fokussierung neue zu schaffen.

    Denn es gibt auch Wachstum ohne Beschäftigungszuwachs oder Wachstum auf Basis von schlechten Arbeitsbedingungen oder Umweltverschmutzung. Wachstum bedeutet eben nicht mehr automatisch mehr Wohlstand. Vor ein paar Monaten erreichte der Feinstaubindex in Peking den Wert 577. Die Skala endet eigentlich bei 500. Kann der gesellschaftliche Wohlstand überhaupt zunehmen, wenn Frischluft das ist, was man in Raucherlokalen inhaliert?

    Das heißt nicht, dass Österreichs Wirtschaftspolitik völlig neu aufgesetzt werden muss. Nach wie vor gibt es eine stabile Korrelation zwischen Konjunktur und Beschäftigung. Doch es kommt auch darauf an, welche Jobs kreiert werden und wie etwas produziert wird.

    Schon allein die Notwendigkeit, Emissionen zu reduzieren, das (Wirtschafts-)Leben deutlich umweltschonender zu gestalten, macht diese Art der Auseinandersetzung mit Konjunkturfragen erforderlich. Beim Thema Nachhaltigkeit bieten sich zudem reale Chancen auf Wachstum und Beschäftigung, die auch politisch gefördert werden können.

    Auf der Angebotsseite kann die Politik durch öffentliche Subventionen eingreifen, um Innovationen zu fördern und Investitionen auszulösen. Im idealen Fall wird Österreich dadurch ein Player bei Umwelttechnologie, kann Know-how aufbauen und dieses exportieren. Das würde sich auch positiv im BIP niederschlagen, also in Wachstum. Im ungünstigen Fall jedoch können solche Förderungen auch verpuffen wie bei der Solarindustrie, die zuerst gefördert, dann jedoch durch Billigkonkurrenz aus China devastiert wurde.

    Alternativ oder ergänzend kann die Politik durch ordnungspolitische Eingriffe die Nachfrage stimulieren, indem sie Umweltgesetze erlässt, die notwendigerweise zu Konsum führen. Sie könnte vorschreiben, dass Häuser besser gedämmt werden müssen, wovon Unternehmen, die entsprechende Isolierungen anbieten, profitieren würden. Es mag vielleicht kein unumstößliches Naturgesetz sein, doch es ist anzunehmen, dass durch solche gesetzlichen Eingriffe im Interesse des Umweltschutzes das Leben teurer werden wird. Und das ist für jene, die wenig haben, ein Problem.

    Der Geschäftsidee von Joseph Weghaupt ist kein Umweltgesetz vorangegangen, das ihn verpflichtet hätte, nur Bio-Getreide zu verarbeiten. Für nachhaltige, qualitätsvolle Produkte gibt es einen wachsenden Absatzmarkt. Steigende Produktivität muss eben nicht ausschließlich mehr Waren mit demselben Einsatz bedeuten, es könnte auch heißen: bessere Produkte oder bessere Dienstleistungen. Auch durch die höheren Kosten steigt das BIP. Es wäre ein theoretischer Ausweg, der aber zwei Fragen aufwirft: Was genau heißt "besser"? Und wie lässt sich das messen?

    weiterlesen auf Seite 2 von 3

    Walter


    Mehr unter: http://www.wienerzeitung.at/zeitkapsel

    Mehr unter: http://www.wienerzeitung.at/zeitkapsel



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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2014-12-22 17:08:09
    Letzte Änderung am 2015-01-23 09:42:50


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