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Update: 06.01.2018, 13:08 Uhr

Alexa

Die Digitalisierungsfalle




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Schon im kommenden Jahr könnte die Entwicklung so verlaufen, dass ohne sprachgesteuerte digitale Assistenten immer weniger funktioniert. Ähnlich wie Smartphones normale Handys vom Markt gefegt und ein neues System der Erreichbarkeit etabliert haben, könnte die Wanze ein neues System von technischen Notwendigkeiten ins Haus bringen: Wenn der Kühlschrank, das Licht und die Heizung Alexas Befehle befolgen, hängt das ganze Haus davon ab.

Wohin steuert diese Entwicklung? Werden wir von künstlicher Intelligenz immer lückenloser überwacht? Zieht sich ein Netz zusammen, das die persönliche Freiheit immer enger umspannt, so lange, bis sich niemand mehr rühren kann, ohne dass anderes es mitbekommen?

In Fragen der Gesundheit scheinen solche Gedanken keineswegs abwegig. Denn die künstliche Intelligenz verändert die Medizin, führt der im US-Pharmakonzern Gilead Sciences tätige österreichische Biochemiker Norbert Bischofberger aus. "Wir berühren unser Smartphone ungefähr 4000 Mal pro Tag", sagte er jüngst bei einem Vortrag in Wien. Das hat Folgen. Denn Bild- und Spracherkennung zeichnen unsere Gewohnheiten auf - die Art der Handhabung, die Nutzung von Apps und anderen Programmen, unsere Sprechweise, unseren Tagesrhythmus und Präferenzen für bestimmte Inhalte. Und da manche Menschen praktisch alles, was sie auf dem Teller haben, ablichten und in die Sozialen Medien stellen, werden auch die Ernährungsgewohnheiten durchsichtig. Über kurz oder lang könnte es sogar möglich sein, dass Big Data via Smartphone mit dem Mikrobiom - der Gesamtheit der den Menschen bewohnenden Bakterienwelt - oder gar mit unserer DNA gefüttert wird. "Wir messen alles, was man messen kann", sagt Bischofberger.

Jede Art der Berührung hinterlässt Spuren des Erbguts und vieler Keime. Deren Identifikation ermöglicht es, den Gesundheitszustand zu analysieren. Fingerabdrücke und Gesichtserkennung ergänzen die Datenflut, die das Smartphone wie ein Staubsauger aufnimmt. Auch die Pulsfrequenz und die Bewegungsfreude werden registriert. Treten da oder dort Abweichungen auf, verändert das die Diagnose. "Das Smartphone wird über kurz oder lang sowohl altersbezogene als auch psychische Erkrankungen schon im Frühstadium erkennen können, ebenso wie Bluthochdruck oder Diabetes", sagt Ursula Schmidt-Erfurth, Leiterin der Universitätsklinik für Augenheilkunde und Optometrie: Diagnosen sind mit einem Abgleich der immensen Anzahl an Datenpunkten schnell gestellt - Therapieempfehlungen folgen prompt.

Netzhaut-Diagnosen und neue Risikoprofile
Und künstliche Intelligenz zieht auch in medizinische Fachdisziplinen ein. Schmidt-Erfurth berichtet von Technologiesprüngen: Mit einem Verfahren namens optische Kohärenztomografie ließen sich Krankheiten an der Netzhaut ablesen. Innerhalb von 1,2 Sekunden schafft das Gerät 40.000 Scans mit einem Gesamtvolumen von 65 Millionen Bildpunkten. Riesige Volumina an Information sind in der Netzhaut festgeschrieben. Automatisierte Algorithmen errechnen, ob chronische Erkrankungen wie Diabetes oder Multiple Sklerose auftreten können. Je größer die Datensammlungen werden, desto früher und präziser lassen sich auch neurodegenerative Erkrankungen, wie Alzheimer oder Parkinson, über den Netzhaut-Check erkennen. Gepaart mit allen anderen Daten im Smartphone lassen sich Gesamtbilder und immer detailliertere Risikoprofile eines jeden Menschen erstellen.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-12-28 15:29:28
Letzte Änderung am 2018-01-06 13:08:25


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