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Update: 06.01.2018, 18:38 Uhr

Jubiläum

Was gibt es denn da zu feiern?




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So ließe sich noch manches finden, was nicht 1968 geschehen ist. Trotzdem ist klar, dass sich in diesem Jahr vieles zugespitzt hat, was sozusagen "in der Luft lag". Und dort lag ziemlich viel: So die Experimente mit ungehemmt ausgelebter Sexualität und antiautoritärer Erziehung oder der großzügig-leichtfertige Umgang mit Drogen und die mobilisierende Musik von Jimi Hendrix, Janis Joplin, den Rolling Stones und wer sonst noch am Soundtrack der Zeit mitwirkte. Zu diesem lebensstilistischen Aspekt der Revolte trug übrigens auch der einzige nennenswerte Wiener Beitrag zu 1968 bei: Am 7. Juni des Jahres traten im Hörsaal 1 des Neuen Institutsgebäudes (NIG) die "Aktionisten" Günter Brus, Otto Muehl, Peter Weibel, Oswald Wiener und Malte Olschewski auf. Unter dem Titel "Kunst und Revolution" provozierten sie ihr Publikum durch öffentliche Masturbation, Erbrechen, Auspeitschungen und dergleichen Anstößigkeiten mehr. Die Beteiligten mussten für diese Aktion ins Gefängnis, denn die österreichische Gesellschaft war damals noch nicht bereit, derartigen Auftritten das Recht auf künstlerische Freiheit zuzugestehen.

Eine ausgeprägte Kriegs- und Kampfstimmung

Wichtiger als avantgardistische Experimente war im Jahr 1968 allerdings die ausgeprägte Kriegs- und Kampfstimmung. Die 68er-Studenten waren aggressiv. Zu ihren Kampfliedern gehörte nicht nur "We shall overcome", die feierliche Hymne der afro-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, sondern auch die alte kommunistische "Internationale", die "zum letzten Gefecht" zwischen Proletariat und Bürgertum aufrief und den Genossen mit der Zeile "Wir sind die stärkste der Parteien" Mut machte. Während heutige Alternativbewegungen meist einen Opferstatus beanspruchen, wollten die damaligen Nonkonformisten Täter und Kämpfer sein, die sich bei Demonstrationen gern im olivgrünen, leicht militärisch wirkenden Parka zeigten.

Das weltpolitische Ereignis, das die Jugendproteste in aller Welt im Besonderen herausforderte, war der Krieg, den die USA gegen die kommunistischen Truppen Vietnams führten. Aber die Demonstranten, die durch die westeuropäischen Metropolen marschierten und mit ihrer Parole "Ho-, Ho-, Ho-Tschi-Minh" dem greisen nordvietnamesischen Präsidenten huldigten, sehnten sich nicht pazifistisch nach dem Ende eines brutal geführten Krieges, sie kämpften für die "Zerschlagung" des Kapitalismus und den Endsieg des Kommunismus. 50 Jahre später lässt sich feststellen, dass sie dieses Ziel nicht erreicht haben.

Eine Volkskriegsbewegung in der "Dritten Welt"

Insbesondere die Marxisten unter den Studenten ordneten den Vietnam-Krieg in eine große Volkskriegsbewegung ein, die in vielen Teilen der "Dritten Welt" (ein damals noch recht neuer Ausdruck) schon aktiv zu sein schien: Die Bemühung der Staaten Afrikas um Entkolonisierung, die Kulturrevolution Mao Tse Tungs, Fidel Castros kubanischer Weg zum Sozialismus oder der Guerillakrieg in Bolivien, in dem Che Guevara, ein Idol seiner Zeit, 1967 sein Leben gelassen hatte - all das waren für Revolutionsstrategen wie Rudi Dutschke unterschiedliche Facetten eines weltweit zu führenden Kriegs gegen den US-Imperialismus.

Viele sahen auch ihre politische Tätigkeit als relevanten Teil jenes großen Klassenkampfes, der in absehbarer Zeit zu einem endgültigen Zusammenbruch des Kapitalismus führen werde. In der Zeitschrift "Kursbuch", einem Theorieorgan der deutschen Linken, las sich das 1968 zum Beispiel so: "Es ist schwer vorstellbar, dass der Kapitalismus nicht unter der Einwirkung aller jener Kräfte zusammenbricht, die bald der Ausdruck seiner Widersprüche sein werden: viele Vietnams, die Emanzipation der afro-amerikanischen Neger, die wachsende anti-kapitalistische Opposition innerhalb der kapitalistischen Länder, die Konkurrenz sozialistischer Planwirtschaft, die einer am Mehrwert orientierten Wirtschaftsstruktur entgegengesetzte Automation, der Zusammenbruch der bürgerlichen Institutionen und der bürgerlichen Moral." (Aus dem Aufsatz "Die Zukunft der Revolution" von Bahman Nirumand und Eckhard Siepmann, Kursbuch 14, August 1968. Hinweis für Sprachsensible: Das Wort "Neger" war damals in keiner Weise rassistisch gefärbt.)




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Schlagwörter

Jubiläum, Arcade Fire

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Dokument erstellt am 2017-12-28 15:29:36
Letzte Änderung am 2018-01-06 18:38:11


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