Auch Boku-Experte Lexer findet ein möglichst breites Portfolio bei den Stadtbäumen sinnvoll: "Ich glaube, niemand würde auf eine einzige Karte setzen. Das derzeitige Bestreben der Stadtgärtner ist, genügend Kandidaten zu finden." Er selbst ist ein großer Fan des aus Persien stammenden Eisenholzbaums: "Ein schöner Baum mit sehr hartem Holz, der nicht allzu groß wird, mit 10 bis 15 Meter ist er gut für die Stadt geeignet. Außerdem ist er trockenheitstolerant und winterhart, und er hat im Herbst wunderschönes rotes Laub."

Es müssen freilich nicht immer Exoten sein: So wäre der Französische Ahorn laut Amersberger ein guter Ersatz für den heimischen Ahorn. Und statt Sommer- und Winterlinde werden in Wien die aus Südosteuropa stammenden Silberlinden gepflanzt, deren Blätter auf der Unterseite behaart sind. "Da gibt es das Problem mit den Spinnenmilben überhaupt nicht." Die Silberlinde wäre auch ein guter Ersatz für die Rosskastanie, meint Amersberger.

Bäume wie in der Monarchie

Amersberger empfiehlt den Stadtgärtnern für die Zukunft einen Blick zurück in die Vergangenheit: "Eigentlich war man schon zu Monarchiezeiten moderner als heute. Damals hat man in Wien und Budapest Blaseneschen und andere trockenheitsresistente Bäume gepflanzt. Auch, weil Kaiser Franz Joseph ein Fan von exotischen Pflanzen war. Diese Bäume sind allesamt stadtverträglicher als das, was bis vor kurzem eingesetzt wurde." Auch die Papiermaulbeere und der Blauglockenbaum waren in der Monarchie beliebte Bäume und stehen heute noch in Budapest und Wien in vielen Straßen, erzählt Amersberger. "Man könnte also noch sehr viel mehr Kreativität zeigen."

Die ursprüngliche Bepflanzung der Ringstraße bestand übrigens aus Götterbäumen, die aus China importiert wurden. "Die sind damals durch einen schlechten Sommer und einen kalten Winter fast alle eingegangen bis auf einen, dessen Abkömmlinge heute in der ganzen Stadt als invasive Art sprießen. Das wiederum ist problematisch, weil sie auf Mauern wachsen und so die Bausubstanz beschädigen, aber auch durch das Ausbrechen in Naturräume bestehende Ökosysteme nachhaltig stören können."

Laub schlägt Nadeln

Bei den Stadtbäumen liegt der Fokus immer noch auf Laubbäumen. Nicht nur wegen der Optik im Stadtbild und der Vorteile einer dichten Krone, sondern wohl auch, weil Laub leichter zu entfernen ist als Nadeln. "Außerdem ist es schwierig bis unmöglich, Nadelbäume in der Höhe zurückzuhalten", sagt Lexer. "Die Kronen von Laubbäume kann man leichter durch fachgerechten Schnitt formen." Auch das muss ein Stadtbaum aushalten. Oder, wie es Lexer formuliert: "Ein Stadtbaum muss wirklich ein Multitalent sein."

Nicht nur bei den Bäumen geht man in Wien neue Wege. Auch in den Stadtbeeten werden bereits neue Stauden eingesetzt, die extrem wenig Wasser brauchen und deshalb pflegeleichter sind. "Da muss man schon sagen, dass man die Veränderung sieht", sagt Amersberger. "Da hoffe ich, dass von den Stadtgärtnern noch mehr kommen wird. Man muss sich jetzt auf das extreme Klima der Zukunft einstellen. Das Ganze kostet ja auch Steuergeld. Wenn jetzt ein Baum gepflanzt wird, muss der für das Klima der nächsten Jahrzehnte geeignet sein."

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