Ich war vor dem Kriegsende bei der SS in Klagenfurt dienstverpflichtet, und als klar war, dass der Krieg vorbei war, hat mein Vorgesetzter – gegen den Willen seines Chefs – veranlasst, dass die noch vorhandenen Vorräte und Kleidung an die Bediensteten verteilt wurden. Er selbst setzte sich ab. Am 8. Mai ging ich dann nicht mehr in die Dienststelle. Stattdessen wollte ich mit meinem Onkel und meiner Cousine zu meiner Tante nach Radenthein radeln, wo sie bei ihrer Schwester untergekommen war. Bei Velden ist uns ein Mann auf dem Rad entgegengekommen, der uns gewarnt hat: "Fahrt ja nicht nach Villach, dort sind schon die Engländer!" Also sind wir querfeldein weitergefahren und am Abend angekommen.

Am nächsten Tag sind plötzlich drei SS-Männer aufgetaucht. Eine junge Radentheinerin hat sie zu jenen Leuten geführt, die nicht Nationalsozialisten waren. Sie haben tatsächlich drei oder vier Familienväter und sogar eine Frau, deren Ehemann nicht daheim war, auf ein Auto geladen. Ihre beiden Kinder haben sie alleine zurückgelassen. Die haben sie alle erschossen – am 9. Mai 1945! Jetzt hatten wir natürlich Angst, dass sie auch meine Tante mitnehmen könnten, deren Mann noch in Dachau interniert war, nachdem er eineinhalb Jahre vorher ins KZ geschickt worden war. Am nächsten Tag hat mein Onkel erzählt, dass er gesehen hat, wie noch ein weiterer Mann sich ein Loch graben musste und dann daneben erschossen wurde.

Erika Schöffauer

Dann sind zum Glück die Engländer in Radenthein angekommen. Als die Opfer auf dem Friedhof begraben wurden, haben sie rundherum Soldaten aufgestellt, um noch Schlimmeres zu verhindern. Die SS-Leute und ihre junge Ortsführerin hatten sich aber da schon abgesetzt. Was aus ihnen geworden ist, weiß ich nicht ganz genau. In den Sechzigerjahren habe ich dann in der Zeitung gelesen, dass sie tatsächlich gefasst und in München vor Gericht gestellt und verurteilt wurden. Die junge Radentheinerin soll angeblich irgendwo unter einem anderen Namen leben. Mein Onkel ist dann übrigens heil aus Dachau zurückgekommen.

Die Erinnerung an diese Ereignisse nach dem Kriegsende ist noch immer so lebendig in mir, ich spüre noch immer fast, wie es damals war.