Das Kriegsende war schon Anfang 1945 abzusehen, die Frage war nur, ob und wie wir es erleben würden. Ich war damals 16 Jahre alt, aber schon länger als ein Jahr als Luftwaffenhelfer beim Militär. Kurz vor dem Kriegsende war ich in Wien im Lazarett, und der Oberstabsarzt schickte mich ins Nachbehandlungskommando nach Pichl/Enns, das nach Ostern auf die Felseralm bei Obertauern verlegt wurde. Er hat wohl gehofft, dass ich bis zum Kriegsende dort bleiben könne. Der Krieg hat dann aber leider im Westen doch noch länger gedauert.

Kurz vor meiner Entlassung aus dem Nachbehandlungskommando am 17. April erzählten wir einander eines Abends Witze, auch politische, über die sich zwei anwesende SS-Leute dermaßen aufregten, dass sie mir androhten, mich am nächsten Tag den sogenannten Heldenklaus zu übergeben. Die Heldenklaus waren eine Kommission, bestehend aus regimenahen Ärzten, Offizieren und Werbern für die Waffen-SS, die feststellen sollte, wen man aus dem Lazarett wieder an die Front schicken könne. Gott sei Dank waren sowohl der Stabsarzt als auch der Spieß Österreicher. Sie warnten mich und gaben mir einen Marschbefehl und einen Entlassungsschein, und so flüchtete ich in Allerherrgottsfrühe mit einem Sprung aus einem Fenster im 1. Stock auf den tief verschneiten Hang. Durch den tiefen Schnee habe ich mich dann bis nach Obertauern durchgeschlagen. Ich hatte wirklich Angst, dass mich die Heldenklaus noch erwischen könnten.

Günther Doubek

Von Obertauern nahm mich ein Lastauto der Wehrmacht nach Markt Pongau (heute wieder Sankt Johann im Pongau) mit, wo ich im Luftgaukommando einen neuen Marschbefehl nach Tirol bekam. Da damals nur ein Zug täglich verkehrte, übernachtete ich in Radstadt – wo ich übrigens eine zufällige Begegnung mit Marika Röck hatte – und fuhr am nächsten Tag nach Innsbruck. Dort wurde ich einer Gebirgsflak-Einheit zugeteilt, die bei Trient stand. Am 20. April 1945 schossen wir zwei "Tomahawk" ab, dafür bekam ich das Flak-Kampfabzeichen. Der NS-Bildungsoffizier meinte, das sei "das schönste Geburtstagsgeschenk für den Führer". Und das kurz vor Kriegsende.

Am nächsten Morgen wachten einige von uns mit hohem Fieber auf. Wir hatten uns mit einer Krankheit angesteckt, die Malaria oder Paratyphus ähnlich war. Also kam ich wieder ins Lazarett und wurde bald darauf nach Hall in Tirol ins Lager Eichat verlegt. Dort warteten wir dann das Kriegsende ab. Es ist dann nicht mehr viel geschehen, außer dass am 2. Mai sämtliche Offiziere bis auf einen mit dem größten Teil der nagelneuen Bergschuhe in einem der letzten Lastautos fortfuhren. Als sich unser Lager am Abend des 3.Mai auflöste, fanden ich gemeinsam mit zwei anderen 16-jährigen Wienern in einem Heustadel ein Notquartier.

Nach zwei Wochen beschlossen wir, uns gemeinsam nach Wien durchzuschlagen. In Hall wären wir fast noch in amerikanische Gefangenschaft geraten, wir wurden verhaftet, konnten aber aus dem Sammellager fliehen. Wir fuhren zum Teil mit der Bahn, den größten Teil der Strecke wanderten wir aber zu Fuß quer durch Österreich bis zur Enns. Von Weyer nach Valentin und von da nach Wien konnten wir dann wieder mit der Bahn fahren. Fast einen Monat lang waren wir unterwegs. Sicher war das aufregend und manchmal  gefährlich, aber wir waren unbekümmert und als 16-Jährige unserem Alter voraus. Wir hatten Entscheidungen zu treffen und mussten für uns selbst sorgen, niemand beriet uns, und kein Mensch fragte nach unserem Alter. Am 6. Juni spätabends kam ich dann endlich heim. Meine Mutter wusch mir als erstes in einem Bottich mit einer Seife, die sie für mich aufgehoben hatte, den Staub des vergangenen Monats ab. Am nächsten Tag musste sie dann als Erziehungsberechtigte mit mir zum Magistrat gehen, damit ich meine Lebensmittelmarken bekam – auf einmal war ich wieder minderjährig, und das nach allem, was ich im Krieg alleine durchgestanden hatte.