Ingeborg Steyer als junges Mädchen.
Ingeborg Steyer als junges Mädchen.

Als der Krieg schon fast zu Ende war, hieß es, die Russen würden kommen. Da gab es zum Beispiel in einem Haushalt Sitzkissen mit eingewebtem Hakenkreuz, die wurden zunächst umgedreht, dann hieß es, es gebe Hausdurchsuchungen, da wurden die Kissen verbrannt. Gewehre wurden in der Erde vergraben. Und der Bürgermeister des Ortes, in dem ich evakuiert war, hat die letzten Verteidigungstrupps am Ortseingang vertrieben, um ja keine Kämpfe zu provozieren. Die haben unter anderem ein Militärfahrzeug zurückgelassen, in dem Stoffe und nagelneue Stiefel verstaut waren. Das habe ich mir näher angeschaut und gestaunt, wie wertvoll das war – gerade in diesem Moment sind schon die Tiefflieger gekommen und haben geschossen. Ich habe mich auf den Bauch gelegt und alle Viere von mir gestreckt. Sie sind noch zweimal zurückgekommen, aber ich bin flach liegen geblieben. Am Abend hat die Bevölkerung dann das Auto ausgeräumt und die Stoffe und die teuren Stiefel verteilt. Wir selber sind ja damals in Lumpen herumgelaufen.

Ende April kamen dann die englischen Panzer an, und die Soldaten warfen Bonbons herunter. Aber mich hat dieses Geräusch so an die Geschosse der Tiefflieger erinnert, dass ich fürchtete, auch diese Bonbons würden gleich explodieren, so verängstigt war ich. Als ich schnell wegrennen wollte, hielt mich ein Erwachsener an und warnte mich: "Weißt du nicht, dass auf alles, was sich schnell bewegt, geschossen wird?!" Nach den Engländern kamen die Amerikaner, die fuhren herum und lachten uns Kinder dabei an. Da waren Afroamerikaner dabei, die waren nicht braun, sondern wirklich rabenschwarz, das hatte ich vorher noch nie gesehen. Und einige Dorfbewohner meinten: "Das sind niemals Amerikaner, die kommen aus dem finstersten Afrika, um uns Angst einzujagen."

Ingebord Steyrer

Wir mussten dann auf einem Bauernhof mitarbeiten, auch ich mit meinen acht Jahren. Die amerikanischen Soldaten saßen auf Gartenstühlen daneben, und wenn eine junge Frau vorbeikam, fragten sie: "Na, sind Sie auch eine Mama?" Die wollten halt wissen, ob die Frauen verheiratet sind oder zu haben. Ich habe mich derweil mit einigen anderen zusammengetan und Zigarettenkippen gesammelt und gegen Lebensmittel getauscht.

Was mich damals am meisten schockierte, war eine Lehrerin, die uns noch in der letzten Woche vor dem Kriegsende drillte, so lange "Heil Hitler" zu rufen und zu salutieren, bis es "der Ehre des Führers genügen" würde. Und als wenige Wochen nach dem Kriegsende dann die Schule wieder begann – nicht im Schulgebäude, sondern im Wirtshaus –, hat dieselbe Lehrerin wieder Religion unterrichtet und inbrünstig gesungen: "Jesu, geh voran auf der Lebensbahn" – da habe ich innerlich das Kotzen gekriegt. Ich musste mich so zwingen, höflich zu sein. Sie war für mich so ein abschreckendes Beispiel, dass ich mir geschworen habe, immer nur für meine Ideale einzutreten, wenn sie der Allgemeinheit dienen und nichts Negatives dabei herauskommt. Das hat mich mein ganzes Leben lang begleitet. Was auch wichtig ist: Man hält solche Sachen nur durch, wenn man einen Glauben hat.