Wir hatten damals in Salzburg einen sicheren Platz, das war ein Stollen in den Mönchsberg, mit 30 Metern Naturstein darüber. Da saßen die alten Leute immer schon davor, dann immer am Vormittag kamen die Bomber, und sind mit ihrem Stockerl gleich hinein geflüchtet. Wir sind von etwas weiter weg hingekommen, ich mit dem Fahrrad, meine Eltern zu Fuß. Drinnen war man also sicher. Aber man musste auch wieder heraus – und die Engländer wussten natürlich ganz genau von dem Stollen und haben Zeitbomben abgeworfen. Da hat man dann nie gewusst, wann die hochgehen würden. Wir sind damals bis zum letzten Tag immer vorsichtig nach Hause gegangen und haben um die Ecke geschaut, ob unser Haus noch steht.

Und eines Tages war im Garten ein großer Bombentrichter. Die Kommission für Bombenschäden hat darin mit langen Stangen herumgestochert und hat dann gemeint, dass es wahrscheinlich ein Blindgänger ist. Aber kaum waren sie fertig und wieder im Haus, ist die Bombe doch explodiert, dass der halbe Garten durch die zersplitterten Fenster hereingeflogen ist.  Wir mussten das alles wieder aus dem Haus hinausschaufeln. Das war ein riesiger Schreck.
Wir konnten uns in diesen letzten Kriegstagen auch nicht mehr ausziehen zum Schlafen. Wir haben uns angezogen aufs Sofa gelegt und geschlafen, solange es ging. Denn wenn die Sirene losgegangen ist, mussten wir wieder in den sicheren Stollen, zumal unser Haus zwischen Bahnhof und Salzach gestanden ist.

Irmgard Schiel hat das Porzellan, das ihre Mutter 1945 rettete, bis heute aufbewahrt. - © Jasmin Ziegler
Irmgard Schiel hat das Porzellan, das ihre Mutter 1945 rettete, bis heute aufbewahrt. - © Jasmin Ziegler

Es war auch sehr schwierig, etwas zu essen zu bekommen. Wenn die Lebensmittelkarten leer waren, war es halt aus. Wir waren etwas besser dran, denn wir hatten im Garten zwei Hendln, die waren nahezu zahm und haben meinen Vater schon begrüßt, wenn er heimgekommen ist. Mit den Eiern konnte man jemandem eine Freude machen oder auch bei einem Tauschgeschäft etwas herauslocken. Ich war damals eine Journalistenanfängerin und wurde unter anderem auch zu einem Prozess hingeschickt, bei der ein Mann angeklagt war, der für die Verteilung der Lebensmittelmarken verantwortlich war und etliche für sich selbst abgezweigt hatte. Er wurde zum Tode verurteilt. Wenn ich mich heute daran erinnere, wird mir ganz kalt am Rücken. Ich konnte ihn fast nicht ansehen. Mit steinernem Gesicht hat er das Urteil zur Kenntnis genommen. Sie haben ihn sicher nachher zu Tode gebracht, das war schon eine schreckliche Zeit in den letzten Kriegstagen.

Als dann die Amerikaner kamen, wurden wir zuerst einmal aus dem Haus gewiesen und sind bei netten Nachbarn notdürftig untergekommen. Die Amerikaner haben dann auf der Straße vor unserem Haus immer Baseball gespielt. Dann sind die GIs ausgezogen, dafür hat ein Oberst mit seiner Freundin das Obergeschoß bezogen, bis er abgelöst wurde und der Nächste kam, während wir uns im Erdgeschoß zusammengedrängt waren. Wobei die Nassräume oben waren. Mein Bruder war damals noch im Feld, der hat davon nichts mitbekommen. Ich habe dann Zeitungswissenschaften in München studiert, dort hat es noch schlimmer ausgeschaut. Von meinen Eltern ist da immer einer mitgefahren, weil sie das Gefühl hatten, dass mir dann nichts passieren kann.

Meine Mutter hatte für mich ein besonders schönes Porzellangeschirr gekauft und im Keller gelagert. Und eines Tages kamen wir nach Hause, da standen auf der Bank vor der Haus lauter Platten und Teller. Da ist meine Mutter den Amerikaner angefahren, dass er uns das doch nicht wegnehmen dürfe, weil es ihrer Tochter gehört. Ich muss heute noch lachen, wenn ich mir die Szene vorstelle. Sie hat so lange gekeppelt mit ihm, bis das Geschirr tatsächlich gerettet war.