Wir haben in den letzten zwei Kriegswochen im Keller gewohnt, gekocht und geschlafen. Wir waren damals, nachdem unsere Wohnung in Ottakring 1944 ausgebombt worden war, Untermieter einer hochgradigen Nationalsozialistin, deren Bruder Obersturmbannführer war. Im März 1945 stand sie eines Tages mit gepacktem Rucksack da und teilte uns mit, dass sie auf Urlaub fahre. Einige Zeit glaubten wir das auch, aber als dann die Russen schon am Gürtel standen, sagte mein Vater: "Jetzt müssen wir in die  Kästen schauen, wer weiß, was da drinnen ist." Und es war gut so, denn da hingen etliche Nazi-Uniformen, Fahnen, Wimpel, Dolche. Wir nahmen alles und warfen es in den Nachbarhof, der vom Schutt einer nahen zerstörten Klosterkapelle übersät war.

Als dann die Russen kamen, waren wir unten im Keller und mein Vater oben in der Wohnung. Er schlief auch in der Nacht dort und entkam damals nur mit Glück zwei Schüssen durchs Fenster. Die Einschusslöcher sind bis heute im Parkett. Im Haus gegenüber saß in einem Erker noch ein einsamer junger Volkstürmler und glaubte, mit seiner Panzerfaust den Einmarsch verhindern zu können, das hat uns die meiste Angst gemacht. Unmittelbar nach Kriegsende erfuhren wir, dass er tot vorgefunden wurde. Es war alles sehr gefährlich.
Während des Kampfes um Wien hörten wir tagelang die Stalinorgel vom Gürtel her, dass man nur Angst haben konnte. Etliche junge Frauen versteckten unter Kohlenkisten aus Angst vor Vergewaltigungen. Meine Tante, die am Hernalser Gürtel in einem Haus mit einem großen Wirtshaus wohnte, erzählte uns später, dass die Wirtin und ihre Tochter im dritten Stock von zehn Russen vergewaltigt worden waren, während der Familienvater zuschauen musste. Nach dieser Tortur und Demütigung nahmen sich die beiden Frauen sofort mit einem Sprung aus dem Fenster das Leben.
Ein Russe, der die Wohnung durchsuchte, fand Gott sei Dank nichts. Auch nicht das Buch "Aus großer Zeit", in dem Hitler in allen möglichen Paradestellungen abgebildet war – das hatte ich mir damals aufgehoben, weil ich dachte, das wäre später einmal interessant. Weil es ohne Einband zwischen den anderen Bücher steckte, blieb es unentdeckt.

Otti Neumeier

In unserem Haus hatte sich auch noch ein junger Nazi versteckt. Das haben offenbar die Russen mitbekommen, und zwei haben gedroht, das Haus niederzubomben, wenn er bis zum Abend nicht draußen ist. Die Angst war wieder groß. Es gab nur zwei Männer im Haus, meinen Vater, der wegen einer Rückgratverkrümmung nicht eingezogen worden war, und einen älteren Mann, der als Hausvertrauensmann bestimmt worden war. Die beiden verriegelten das Haustor und machten auch nicht auf, als die zwei Russen stundenlang klopften und schossen. Endlich zogen die beiden Wahnsinnigen wieder ab. Papa war danach total fertig.

Bald kamen dann die Amerikaner, und wir erhielten nach ein paar Tagen – zwischenzeitlich hungerten wir nur noch – Sandwichwecken. Ich war fast verstört. Noch nie in meinem Leben hatte ich jemals so  unglaublich weißes, duftiges Brot gesehen. Bis dahin kannte ich nur  dunkles klebriges Brot. Als ich später wieder in meinen Religionsunterricht in die alt-katholische Kirche ging und dabei in der Naglergasse an einer verschlossene Bäckerei mit der Aufschrift "Erste Dampfbäckerei Wiens" vorbeikam, war ich davon überzeugt, dass dieses Brot nur hier gebacken worden sein konnte.