Mein Vater war Berufsgeiger. 1944 war er bereits 49 Jahre alt, wurde aber trotzdem noch eingezogen und zur Beaufsichtigung französischer Gefangener in der Flugzeugfabrik in Wiener Neustadt eingesetzt. Da sind täglich ein bis zwei Franzosen verschwunden, meinem Vater ist aber nichts passiert, weil er glaubwürdig versichert hat: "Ich kann den jungen Männern ja nicht nachrennen, wenn sie abhauen."

14 Tage vor Kriegsende hat er uns dann nach Wien geschrieben, dass wir zu seiner Schwester nach Marienbad im Sudetenland fahren sollen, dort gebe es keine Bomben und alles zu essen. In Wien haben wir nur gehungert und waren eineinhalb Jahre im kalten, feuchten Keller. Wir sind also mit der Franz-Josefs-Bahn gefahren, das hat sich so abgespielt: Zug mit Lok – ein Stück gefahren – Tiefflieger – raus aus dem Zug auf die Böschung – Lok weg – Lok da – wieder ein Stück gefahren – wieder Tiefflieger . . . Das hat man dann später in Filmen auch gesehen, da hab ich mir gedacht: So ist es mir auch ergangen.

Mein Vater hat sich gleichzeitig von Wiener Neustadt nach Marienbad durchgeschlagen. Er hat seinen Revolver genommen, seine Geige und sich ein Pappschild mit der Aufschrift "TBC" um den Hals gehängt. Irgendwie ist er der Militärpolizei entgangen und wurde von verschiedenen Kameraden quer durch Österreich mitgenommen – wegen des "TBC"-Schilds meistens auf der Ladefläche von ihren Lkw.
Marienbad war noch in deutscher Hand, als er angekommen ist. Als es einen Aufruf der Deutschen gab, dass sich alle Deutschen melden sollen, haben wir uns still verhalten, es wusste ja auch niemand, dass wir da waren. Dann sind aber die Amerikaner einmarschiert und haben alle Österreicher aufgerufen, sich zu melden, weil sie die nach Oberösterreich bringen wollten. Da haben wir uns gemeldet und wurden mit gezückten Maschinenpistolen zu den wartenden Transportern eskortiert. Denn sie haben genau gewusst, dass die Deutschen – und damit wir Österreicher – für die Tschechen noch immer der Feind waren. Wir haben sogar gesehen, wie ein deutsches Baby aus einem Fenster im vierten Stock geworfen wurde.

Wir sind dann in zehn Lastautos nach Oberösterreich gefahren. Wir hatten keine Koffer mit, sondern drei zusammengebundene Leintücher, in denen unsere ganzen Habseligkeiten eingewickelt waren. Und ich hatte meinen Teddybären mit, in dem der Schmuck meiner Mutter eingenäht war. Wir haben eine Nacht in einem Pferdestall verbracht und eine am Waldrand im Freien, es war ja ein wunderschöner Frühsommer. In Oberösterreich wurden wir dann in einem Lager untergebracht, wo es uns sehr gut gegangen ist. Dort habe ich auch zum ersten Mal eine knusprige Semmel gegessen. Wir hatten davon dann alle die Wangen innen aufgerissen, weil wir ja nur – wenn überhaupt – das gatscherte Ersatzbrot gewöhnt waren.
Im Oktober sind wir dann in einem Zug zurück nach Hause gebracht worden. Aber in Wien, hieß es, dürfe keiner aussteigen, weil es nichts zu essen gebe.

Wir sind in Nußdorf aus dem Waggon rausgesprungen und zu Fuß weitergegangen zu unserer Wohnung im Alsergrund. Die war allerdings völlig ausgeräumt und offenbar durch ein Abwehrgeschütz der nahen Rossauer Kaserne größtenteils zertrümmert. Bis sie wiederhergestellt war, sind wir zuerst in Simmering untergekommen. Mein Vater hat bei seiner Schwester gewohnt, meine Mutter und ich bei einem fremden Ehepaar. Später sind wir in die Leopoldstadt übersiedelt, in die Nähe eines russischen Gefängnisses, in dem Weißrussen eingesessen sind. Da haben wir kaum eine Nacht ruhig geschlafen, weil ständig einer zu flüchten versucht hat und geschossen wurde. Wieder in unserer Wohnung im 9. Bezirk, haben wir nach drei Jahren einige unserer Möbel zurückbekommen. Sehr langsam ging es dann bergauf.