Ich habe das Kriegsende in Italien miterlebt. Nach dem Durchbruch der Alliierten bei Montecassino wurden wir als Abwehrlinie nach Rom verlegt. Kurz vor dem Kriegsende hätte mich aber eine Befehlsverweigerung womöglich das Leben gekostet, wenn nicht der NSFO, der Nationalsozialistische Führungsoffizier, den es in jeder Einheit gab und der darauf achten musste, dass die Prinzipien der NSDAP in der Wehrmacht hochgehalten wurden, mich gerettet hätte. So ein blöder Unteroffizier, ein Sachse aus Meißen, hatte sich eingebildet, dass ich ihm im schwersten Artilleriefeuer seine Urkunde für das Eiserne Kreuz holen sollte, dass er jenseits des Po verloren hatte. Da habe ich gesagt: "Nein, das mache ich nicht. Erstens weiß ich ja gar nicht, ob die Stellung noch in deutscher Hand ist. Zweitens komme ich wahrscheinlich gar nicht lebend durch den Artilleriebeschuss hin und zurück." Es gab einen lauten Disput, bei dem dann der NSFO eingeschritten ist und zu dem Unteroffizier gesagt hat, er soll sich seine Urkunde gefälligst selber holen. Daraufhin war der ruhig, er hat wahrscheinlich innerlich geweint wie ein Kind, das den Ball verloren hat, aber damit war die Sache erledigt.

An sich ist das Kriegsende in Italien relativ ruhig verlaufen. Ich bin am 2. Mai 1945 in Kriegsgefangenschaft geraten. Wir sind von Norditalien ganz hinunter in den Süden in ein Lager in Tarent gebracht worden. Dort waren wir bis September 1945, dann ging es weiter nach Rimini. Das Gefangenenlager in Süditalien war den Briten unterstellt, die es sozusagen weiterverpachtet haben an eine palästinensische Division, also waren die Aufseher lauter geflüchtete Juden aus Deutschland und Österreich. Die waren überraschend freundlich und nicht rachsüchtig. Über sie kann ich nur das Beste erzählen. Sie haben uns auch geholfen, eine Bühne aufzubauen, weil in unserem Lager auch Fritz Muliar war, der hat dann wie einige andere auch jede Woche jüdische Witze erzählt, über die sich die jüdische Besatzung genauso amüsiert hat wie wir.

Walter Cerveny

Die Gefangenschaft selber war eine Hungerkur, aber wir wurden korrekt behandelt, hatten genügend Duschen in der Hitze, es ging uns eigentlich nicht schlecht. Nach dem Sommer hat man uns in die Böhler-Werke nach Kapfenberg verlegt, und wir haben genau zu meinem Geburtstag am 18. September 1945 die Grenze überquert und somit erstmals wieder österreichisches Gebiet betreten. In Italien hatten wir nur kurze Hosen und ärmellose Leiberl gehabt, das wäre da in den Bergen natürlich zu wenig gewesen. Also haben wir in Kapfenberg, wo seinerzeit ein großes Wehrmachtslager war, nagelneue Uniformen bekommen: deutsche Wehrmachtsuniformen, unverändert mit Reichsadler und Hakenkreuz, so durften wir dort in die Stadt gehen, ins Kino, tanzen. Es war also eine deutsche Stadt im September und Oktober 1945. Im November hatte ich dann aber genug und bin abgehaut.

Meine Mutter war im russisch besetzten Mühlviertel, und ich war ja in der englischen Zone und musste durch die amerikanische Zone durch, wenn ich dorthin wollte. Die Donau in Linz habe ich in Zivilkleidung in der Straßenbahn überquert, dazu habe ich mir von einem 43-Jährigen seinen Brückenpass ausgeborgt – ich war damals 19 Jahre alt. Ich habe mir eine Woche lang ein Bärtchen wachsen lassen und ein Kapperl tief ins Gesicht gezogen und mich so von der amerikanischen in die russische Zone geschummelt. Wobei der russische Wachsoldat wohl ein Auge zugedrückt hat.