In diesen letzten Kriegstagen bis zur Übergabe des Lagers am 5. Mai waren wir in Erwartung der Befreiung. Denn am hektischen Treiben der SS-Leute konnte man erkennen, dass sie nicht mehr lange da sein würden. Wir haben nur gefürchtet, dass sie uns noch umbringen könnten. Was ja auch zum Teil passiert ist, denn als andere SS-Truppen aus Prag vorbeigekommen sind, haben die noch Handgranaten ins Lager geworfen, weil sie es nicht ertragen konnten, dass sie den Krieg verloren und ein paar Juden noch überlebten.

Dass ich selbst überlebt habe, war ein Betriebsunfall, wie es der Literaturnobelpreisträger und Auschwitz-Häftling Imre Kertész formuliert hat. Meine Mutter arbeitete in einem kriegswirtschaftlichen Betrieb der deutschen Luftwaffe, und so wurden wir von den Transporten zeitweise zurückgestellt. Als sie dann aber im Herbst 1944 auch uns nach Auschwitz-Birkenau schicken wollten, hat das Sonderkommando, das bei den Gaskammern arbeiten musste – also die Leichen rausschleppen und so weiter – einen Aufstand gemacht, die Gaskammern wurden zerstört, und deshalb konnten sie diese Transporte nicht mehr nach Auschwitz II zur Ermordung bringen. Deshalb sollten im Februar 1945 auch in Theresienstadt Gaskammern gebaut werden. Das hat ein sehr mutiger Mann, der Chef der Technischen Abteilung, dem letzten Lagerkommandanten Karl Rahm vorgehalten. Der hat ihn geschlagen, aber weil man Angst vor einem Aufstand hatte, wurde dieser Bau nicht fertiggestellt.

Ich war Anfang Oktober 1942 nach Theresienstadt gekommen. In Wien waren die Häuserblocks umstellt worden, man musste schnellstens packen – übrigens haben sie uns das dann im KZ alles wieder weggenommen –, und besonders furchterregend war die Ankunft in Theresienstadt. Wir sind bei Nacht angekommen, und die SS hatte ja ein wohlüberlegtes System der Einschüchterung. Da wurden die Türen aufgerissen und alle rausgetrieben. Da haben wir gespürt: Jetzt sind wir Gefangene. Jetzt haben wir das zu tun, was uns von der SS befohlen wurde. Wir sind dann zu Fuß ins Lager gegangen, es war ein fürchterlich kalter Winter, fremde Menschen ohne Decken oder anderes Wärmendes haben sich auf einem Dachboden eng aneinandergeschmiegt, um nicht zu erfrieren.

Das Fürchterliche im KZ Theresienstadt waren die ständigen Transporte nach dem Osten, wie es hieß. 88.000 Häftlinge wurden in die Vernichtungslager gebracht, davon haben zirka 3300 überlebt, alle anderen wurden ermordet. Das besonders Traurige waren die ständigen Abschiede. Kaum hatte man sich etwas befreundet, wurden die Menschen schon wieder in den Osten geschickt. Zum Schluss waren sehr viele alte Häftlinge nicht mehr im Lager, und wir jungen Häftlinge mussten am Bahnhof die Rücktransporte aus dem Osten in Empfang nehmen. Ich erinnere mich an einen Transport, der fürchterlich war. Wir haben die Türen aufgemacht, viele waren schon tot, die anderen fast verhungert, und diese Menschen haben einander das Brot, das wir für sie aufgespart hatten, gegenseitig aus dem Mund gerissen. Da habe ich erkannt: Ob einer ein Handwerker ist oder ein Professor für Ethik – wenn es um Tod oder Leben geht, werden sich wahrscheinlich die meisten Menschen gleich verhalten, nämlich irgendwie versuchen, zu überleben.

Einige KZ-Insassen sind auch noch im Zuge der Befreiung gestorben, weil sie die Lebensmittel, die sie bekommen haben, zu schnell gegessen haben, zum Teil fette Wurst, das hat ihr Darm nicht ausgehalten. Als dann die russischen Truppen kamen, das kann man sich fast nicht vorstellen. Das war ein geschenktes Leben, eine Wiedergeburt. Einige Wochen später sind wir abgeholt und mit Lastautos zurück nach Wien gebracht worden.

So ein geschenktes Leben ist auch eine Verpflichtung. Deshalb habe ich mich auch später immer antifaschistisch betätigt. Ich bin ab 1946 mit anderen gegen neonazistische Vorfälle aufgetreten, wann immer es notwendig war. So war ich auch bei den Auseinandersetzungen am 29. und 31. März 1965 dabei, die zum ersten politischen Todesopfer der Zweiten Republik, Ernst Kirchweger, geführt haben. Natürlich hat jeder von uns nachher sein normales Leben geführt. Man hat die Auseinandersetzung nicht gesucht, aber wenn sie notwendig war, musste man sie meiner Meinung nach führen, das waren wir den Millionen Ermordeten schuldig. Denn vergessen wir nicht: Zwei Drittel des europäischen Judentums aus 25 Ländern wurden ermordet, darunter 1,5 Millionen Babys, Kinder und Jugendliche. Und wer überlebt hat, sollte alles tun, damit so ein Menschheitsverbrechen nie wieder passiert.