• vom 05.10.2016, 14:53 Uhr

Künstliche Intelligenz

Update: 13.10.2016, 14:26 Uhr

Google

Fummeln war gestern




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Von Gregor Kucera

  • Smarte Assistenten sollen die Kommunikation zwischen Mensch und Maschine revolutionieren - und Emotionen verstehen.

"Ein persönliches Google für jeden": Konzernchef Sundar Pichai am Dienstag in San Francisco. - © ap

"Ein persönliches Google für jeden": Konzernchef Sundar Pichai am Dienstag in San Francisco. © ap

San Francisco. "Hallo, wie kann ich Ihnen helfen?" Diese Frage soll in Zukunft der Startpunkt für das eigene digitale Leben und den Medienkonsum sein, zumindest wenn es nach Google geht.

Der US-Konzern hat in San Francisco seine neuesten Ideen und Endgeräte vorgestellt und setzt dabei nun auf künstliche Intelligenz und einen digitalen Assistenten, der über verschiedene Geräte hinweg die Antwort auf die Frage liefern soll. "Das Ziel ist, ein persönliches Google für jeden Einzelnen zu entwickeln", so Google-Chef Sundar Pichai bei der Präsentation. Der Assistent solle mit der Zeit auch Emotionen erkennen können, wenn ein Mensch mit ihm spricht.

Die Zukunft beginnt jetzt

Touchscreens waren gestern, die Zukunft soll der Sprache oder, besser gesagt, der Sprachsteuerung gehören. Und ebenso wie es beim Start der berührungssensitiven Displays einige fragende Blicke und so manches Unverständnis gab, so verhält es sich auch diesmal. Ein Smartphone ohne Touch wäre heute unvorstellbar, ob es ein sprechender Kühlschrank aber auch einmal wird, kann man wahrlich noch nicht sagen. Der Weg führt aber nun einmal in diese Richtung. "Wir bauen Geräte mit dem Google-Assistenten als Herzstück", erklärte Hardware-Chef Rick Osterloh. Dazu gehört auch der Lautsprecher "Home", der auf Sprachbefehl Aufgaben ausführen, Fragen beantworten und das vernetzte Zuhause steuern kann. Durch die Integration des Assistenten kann der Lautsprecher auf alles zurückgreifen, was Google weiß. Also zum Beispiel, wie gerade der Verkehr ist oder wie man ein Bier auf Spanisch bestellt. Amazon ist seit zwei Jahren mit einem ähnlichen Gerät namens "Echo" auf dem Markt, das demnächst auch in Österreich verfügbar sein wird. Menschen, die reden - mit sich?

Infografik: Echo & Co. - eine Stimme für das Smart Home | Statista
Mehr Statistiken finden Sie bei Statista

Vor einigen Jahren spielten sich in den öffentlichen Verkehrsmitteln seltsame Szenen ab. Menschen redeten - an sich das Natürlichste der Welt, aber eben nicht mit anderen Menschen, die ihnen gegenüber saßen, sondern mit sich selbst. Der Clou war dabei keine Sinnesverwirrung, sondern der Bluetooth-Knopf im Ohr, der eine kabellose Verbindung zum Smartphone ermöglichte. Man hat sich mittlerweile daran gewöhnt. Allerdings, auch das muss gesagt werden, es wird wieder mehr direkt am Handy gesprochen. Dafür gibt es einen neuen Trend.

Wo ist der Friedhof?

"Siri, wo ist der Friedhof in Favoriten?" Mit diesen Worten startete eine Gruppe rüstiger Pensionen kürzlich eine Anfrage an ein Handy auf einer Zugfahrt. Das Smartphone antwortete brav, lieferte einen Wikipedia-Eintrag samt Anfahrtsplan. Während die Gruppe der Digital Natives gerade noch auf ihren Handydisplays herumfingert, haben Kinder und ältere Menschen bereits den Nutzen der Sprachsteuerung für sich gefunden. Wer nicht lesen oder ohne Sehhilfe die kleine Schrift am Bildschirm nicht gut entziffern kann, dem eröffnet sich durch den Einsatz der smarten Assistenten die gesamte digitale Welt. "YouTube - Bob der Baumeister anschauen" reicht, und auch ein Dreijähriger hat das Internet für seine Bedürfnisse im Griff. In der Praxis haben Amazon, Google und Apple aber noch andere, größere Pläne. Wer am Abend nach der Arbeit ermattet und müde heimkommt, soll einfach seinem intelligenten Lautsprecher sagen können, welche Lieder er spielen soll. Oder noch besser: Der digitale Hausgehilfe erkennt schon an der Lautmelodie der Begrüßung, in welcher Stimmung man sich befindet - und wählt passende Musiktitel oder Videos gleich selbst aus. Solche vernetzten Lautsprecher können Antworten auf Fragen etwa zum Wetter oder zu Kochrezepten geben - aber auch Technik im vernetzten Zuhause steuern. Er kann den Nutzern nahezu jede Frage beantworten oder ihre Aufträge erfüllen - weil er sie gut kennt. Und er hört immer zu, damit er weder Sprechbefehle noch seinen Einsatz auf die Aktivierungsworte "Okay, Google" verpasst.

Vertrauen und Datenschutz

Mit der Funktion "Mein Tag" kann der Lautsprecher einem am Morgen den Tagesablauf erzählen. Voraussetzung ist, dass man den gesamten Inhalt seines Kalenders bei Google hat. Und hier wird deutlich: Jeder Assistent ist nur so nützlich, wie gut er den Menschen kennt. Der Onlinehändler Amazon ist ein Pionier in dem Geschäft mit seinem Lautsprecher "Echo". Dieser soll auch das Online-Shopping revolutionieren. Ganz nach dem Motto: "Sag was du willst und es wird geliefert." Es werde zwar einige Zeit dauern, bis sich viele Menschen an die Idee gewöhnen können, dass bei ihnen zu Hause ein Lautsprecher steht, dessen Mikrofone ständig eingeschaltet sind, um kein Kommando zu verpassen, sagte Gartner-Analyst Ranjit Atwal. "Aber Sprache ist eine natürlichere Form der Interaktion mit Computern, und das wird Erfolg haben." Lautsprecher, die sich mit ihren Nutzern unterhalten und als persönliche Assistenten agieren, werden sich nach Einschätzung von Marktforschern binnen weniger Jahre zu einem Milliardengeschäft entwickeln. Bis 2020 werde der Umsatz mit den Geräten auf 1,88 Milliarden Euro ansteigen - nach 320 Millionen Euro im vergangenen Jahr -, prognostizierte die Analysefirma Gartner.

Sehr wichtig werde auch das Vertrauen zu den einzelnen Anbietern beim Datenschutz sein. Wer stellt sicher, dass nicht unerlaubt gelauscht wird? Welche Daten werden gesendet? Hilft am Ende nur ein bewusstes Ein- und Ausschalten, das wiederum einen sinnvollen Betrieb ad absurdum führt? Die Technik scheint wieder einmal schneller als das nötige Regelwerk für den Umgang damit.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2016-10-05 14:56:04
Letzte Änderung am 2016-10-13 14:26:26


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