Klarheit sei ein mittlerweile "inflationär" verwendeter Begriff, sagt die Philosophin Elisabeth Nemeth. Ihr Verdacht ist, dass einleitende Floskeln wie "Das will ich klar sagen", "Mit aller Klarheit" oder "Fakt ist" in Politik und Medien deshalb in den letzten Jahren eine Blüte erleben, weil Klarheit Mangelware ist und tatsächlich gar nichts klar ist, und selbst wenn es das wäre, würde man es lieber nicht aussprechen. Nemeths Diagnose stammt aus der jüngsten Folge von "Dialogic" am vergangenen Dienstagabend. Dialogic ist eine gemeinsame Veranstaltung der Österreichischen Ludwig Wittgenstein Gesellschaft, der Wienbibliothek im Rathaus und der "Wiener Zeitung".

Elisabeth Nemeth, Präsidentin der Österreichischen Ludwig Wittgenstein Gesellschaft, der Philosoph Friedrich Stadler vom Institut Wiener Kreis und der Literaturwissenschafter Norbert Christian Wolf vom Institut für Germanistik der Universität Wien diskutierten die Bedeutung, die Ludwig Wittgenstein und insbesondere sein vor einhundert Jahren erschienenes Werk "Tractatus logico-philosophicus" für die heutige Mediengesellschaft haben. Moderiert wurde das Gespräch von Walter Hämmerle, Chefredakteur der "Wiener Zeitung".

Diese Gegenwart, so eine Erkenntnis, hält andere Unaussprechlichkeiten bereit als die Gegenwart Ludwig Wittgensteins, aber die Frage nach dem Verhältnis von Sprache zur Welt, die den Philosophen zeit seines Lebens beschäftigte, stellt sich heute mit Dringlichkeit.

Logik in der Krise

Als Ludwig Wittgenstein am "Tractatus" schrieb - neben diesem Werk erschien zu seinen Lebzeiten nur noch das "Wörterbuch für Volksschulen" -, befand sich Europa mitten im Ersten Weltkrieg. Kaum war dieser beendet, brach eine Grippe-Pandemie aus. Im Tractatus untersucht Wittgenstein den Aufbau der Sprache, die Frage, wie eine Aussage zustande kommt, und definiert vertraute Begriffe der Alltagssprache wie "Tatsache", "Welt" oder "Sachverhalt" neu.

Der Hinweis Wittgensteins, dass die Grenzen der Sprache auch die Grenzen der Welt sind, erhellt für Friedrich Stadler das heutige Unbehagen an der Klarheit. Klarheit, Eindeutigkeit, Einfachheit gibt es in der Realität nicht. Die Gegenwart sei aber von dem Druck, jede Frage beantworten, jedes Problem lösen zu müssen, geprägt. Zu sagen: "Ich weiß es nicht", ist unerwünscht, wäre aber wohl im Sinne Wittgensteins gewesen, wie Stadler vermutet: "Wenn etwas gesagt wird, sollte dies klar und verständlich gesagt werden." Klarheit und Verständlichkeit geraten heute auch unter die Räder einer beschleunigten Welt. Es fehlt schlicht an Zeit, so Norbert Christian Wolf. Nicht nur die Verwertungslogik der Medien belohnt "Fast Think" (eine Wortschöpfung des Soziologen Pierre Bourdieu analog zu Fast Food), sondern auch die Strukturen an der Universität, die in erster Linie schnelle Abschlüsse verlangen, verunmöglichten die ausführliche Hingabe an ein Thema. Zeitmangel begünstigt auch die Umdeutung von Problemen als "Herausforderungen": "Ein Problem erfordert den Diskurs. Man muss es besprechen, es hat viele Seiten, womöglich kann man es am Ende nicht einmal lösen", so Nemeth.

Mit seinem Freund Karl Kraus teilte Wittgenstein das Misstrauen gegenüber Journalisten, Medien und ihrer Beugung der Sprache. Dank entsprechender Trainings falle es heute besonders leicht, zu sprechen, ohne etwas zu sagen, so Wolf . "Mit Wittgensteinscher Sprachethik gewinnt man keine Wahlen."

Stammt das Misstrauen gegenüber Medien und Wissenschaft von den sozialen Zerwürfnissen, die sich im Sprachgebrauch manifestieren? Ist es im Sinne Wittgensteins verständlich, "Cancel Culture" und "Political Correctness" als Sprechverbot zu erleben, schließlich bediente er selbst sich der Alltagssprache? Der Philosoph habe ein tiefes Misstrauen gegenüber der akademischen Welt gehegt, so Nemeth. "Universitäten sind privilegierte Orte", sagt sie. "Sozial und sprachlich." Was also als legitimes Sprechen gilt, sollte daher keinesfalls die Universität bestimmen.