Am Podium (v. li nach re.):  Alfred Pfoser, Elisabeth Nemeth, Friedrich Stadler und Judith Belfkih.  
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Am Podium (v. li nach re.):  Alfred Pfoser, Elisabeth Nemeth, Friedrich Stadler und Judith Belfkih. 

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Gibt es eine Alternative zu Wissenschaft und Forschung? Welche Rolle spielt die Wissenschaft in der Demokratie? Fragen wie diese standen im Zentrum der Diskussionsrunde der "Wiener Zeitung" aus der Reihe "Dialogic". Ausgangspunkt bildete der Gelehrtenzirkel "Wiener Kreis", der 1924 vom Physiker und Philosophen Moritz Schlick mit dem Mathematiker Hans Hahn und dem Soziologen Otto Neurath gegründet wurde. 

Die Denker entwickelten eine "Wissenschaftliche Weltauffassung", eine Weltsicht, die der Natur- und Technikwissenschaften, der Ökonomie, der Psychologie, aber auch der Literatur, Kunst und den Medien wesentliche Impulse lieferte. Doch ihre Auseinandersetzung mit der Wissenschaft war keine rein akademische. Vielmehr war sie eingebettet in das politische Zeitgeschehen und getrieben von dem Willen zur Erneuerung der Philosophie - einer Philosophie, die sich über die Hierarchien hinwegsetzte und Wissensdisziplinen verknüpfte. Und auch die Öffentlichkeit sollte etwas davon haben. 

Dass die Denkansätze des "Wiener Kreis" auch heute noch relevant sind, zeigt sich etwa nicht nur an den Beispielen Sprache, Sprachkritik oder an ihren Visionen einer besseren Gesellschaft, auch bekannt als wissenschaftlicher Humanismus. So standen die Protagonisten des Wiener Kreises damals auch "an vorerster Front im Kampf gegen Irrationalismus", betonte der Germanist Alfred Pfoser.

Ihre Grundeinstellung war Rationalität und Empirie - die Inhalte jedes Fortschritts. Damals wie heute stehen diesen Esoterik und Fundamentalismus entgegen. Die Frage, ob man prinzipiell eine zustimmende Haltung gegenüber Forschung und Wissenschaftlichkeit habe, stelle sich daher auch heute noch. Philosoph Friedrich Stadler: "Forschung und Wissenschaftlichkeit sind davon gekennzeichnet, dass sie etwas Wahrscheinliches sind. Vorübergehend zur Debatte stehen. Der Relativismus ist ein positives Kennzeichen jeder Wissenschaft." Das immer Ewige und Sichere gebe es demzufolge nicht. Die Alternative wäre die eindeutige Evidenz oder der Glaube an etwas ohne weitere Überprüfung, Bestätigung und Kontrolle, so Stadler weiter. Für Menschen, die sich nicht mit den modernen Naturwissenschaften oder Sozialwissenschaften auseinandersetzen, sei es allerdings schwer zu erkennen, was zum Beispiel eine Statistik über ein Phänomen aussagt, ergänzte Elisabeth Nemeth vom Institut für Philosophie an der Universität Wien. "Das ist schwer und es ist nicht klar, woher die Leute eine positive Einstellung nehmen sollen." 

Moritz Schlick. 
- © ONB Bildarchiv Austria

Moritz Schlick.

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Was kann die Philosophie heute dazu beitragen, eine Spezialisierung zu überwinden und die Öffentlichkeit wieder mehr in das wissenschaftliche Denken zu integrieren? Nemeth sah einen Weg vor allem in neuen Formen von Beteiligung. Durch Bürgerräte etwa, die in die etablierte Politik eingreifen können und das Recht haben, viele Experten und Expertisen zu holen. Für Pfoser wiederum ist vor allem auch der Bereich der Kultur gefordert. Und Stadler betonte: "Der Wiener Kreis ist ein schönes Modell für eine produktive Diskussionskultur, wenn es um echte Probleme geht, die man formulieren muss. Es sollte möglich sein, sich länger und intensiv mit unterschiedlichen Positionen auseinanderzusetzen und die Geduld zu haben, Fragen auch offen zu lassen." 

Es diskutierten Elisabeth Nemeth, Institut für Philosophie an der Universität Wien und Präsidentin der Österreichischen Ludwig Wittgenstein Gesellschaft, der Germanist und Publizist Alfred Pfoser, Friedrich Stadler vom Institut Wiener Kreis, Universität Wien und Wiener Kreis Gesellschaft. Moderiert wird die Diskussion von Judith Belfkih, stv. Chefredakteurin der "Wiener Zeitung".

Eine kleine Einführung zum Start kam von Anita Eichinger, Direktorin Wienbibliothek im Rathaus. 
  
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Eine kleine Einführung zum Start kam von Anita Eichinger, Direktorin Wienbibliothek im Rathaus.

 

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Begrüßung und Einführung: Anita Eichinger, Direktorin Wienbibliothek im Rathaus; Martin Fleischhacker, Geschäftsführer Wiener Zeitung.