Wiener Zeitung: Frau EXPORT, wir sitzen hier in einem Wiener Traditionskaffeehaus. Würden Sie sich als Wiener Künstlerin bezeichnen?

VALIE EXPORT: Eigentlich nicht. Sicher hat mich die österreichische Tradition geprägt. Ich denke dabei etwa an Wittgenstein, den "Wiener Kreis" oder Sigmund Freud, mit deren Arbeiten ich mich in den 60er Jahren intensiv auseinandergesetzt habe. So gesehen, besteht durchaus eine gewisse Zugehörigkeit. Aber als Wiener Künstlerin sehe ich mich trotzdem nicht. Ich fühle mich international und lebe zufällig ganz gern in Wien.

Empfinden Sie Wien als zu konservativ?

Wien ist sicher keine sehr innovative Stadt. Den Grund dafür sehe ich in der Wiener Sehnsucht, in einer Tradition leben zu wollen, die es gar nicht mehr gibt. Und es existiert hier eine permanente Angst vor Erneuerungen.

VALIE EXPORT beim W.Z.-Gespräch.
VALIE EXPORT beim W.Z.-Gespräch.

Woher rührt diese Angst?

Vielleicht aus dem Zusammenbruch der Monarchie und den Verfolgungen des Zweiten Weltkriegs. Damals wurden die Menschen psychisch so geknüppelt, dass diejenigen, die das kulturelle Bewusstsein in die Wege hätten leiten können, nach 1945 nicht nach Österreich zurückgelassen wurden. Die Folgen dieser geistig amputierten Gesellschaft der Nachkriegszeit manifestieren sich bis heute: im Ängstlichen, im Engstirnigen, im Bewahren, im Traditionellen und Konservativen.

Was denken Sie über das vergangene Mozartjahr?

In Wahrheit feiern wir mit Mozart einen Künstler, der bereits mehr als 200 Jahre tot ist und ganz zufällig Österreicher war. Man greift auf Mozart zurück, um sich selbst zu beweisen, dass es in Österreich erstklassige Kultur gibt, während zeitgenössische Kunst weitgehend ausgeblendet und ignoriert wird. Davon abgesehen, blieb das Ereignis "Mozartjahr" auf den städtischen Raum und eine elitäre Gruppe von Kulturkonsumenten beschränkt. Es wäre verwegen zu behaupten, das Gedenkjahr hätte Mozarts Kunst ins Bewusstsein der breiten Massen gerückt.

Wird VALIE EXPORT in 200 Jahren eine Tourismusattraktion sein, ähnlich wie es Mozart heute ist?

Ehrlich gesagt, zerbreche ich mir nicht den Kopf darüber, wie man mit meinen Arbeiten in 200 Jahren umgehen wird. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass dann ein völlig anderes, freies Kulturverständnis existieren wird.

Im Zuge Ihrer Arbeiten setzten Sie sich immer wieder intensiv mit dem Stadtraum auseinander. Wie werden wir in Wien in 50 Jahren leben?

Ich glaube, die klassischen Stadtzentren, so wie sie heute existieren, werden sich zusehends auflösen; stattdessen wird es viele unterschiedliche Kernzonen geben. Ich kann mir auch gut vorstellen, dass die Globalisierung die Identität der Städte zum Verschwinden bringt, während die Vernetzung einzelner Stadtteile unterschiedlicher Städte zunimmt. Die verschiedenen Zentren oder Teile eines Siedlungsgebietes würden dann gar nicht mehr als ein ideelles Ganzes wahrgenommen, sondern Zentren ähnlicher Art, Ideologien oder Nationalitäten könnten sich über physische Stadtgrenzen hinweg international zusammenschließen. Vorboten dieser Entwicklung erleben wir ja schon heute, etwa im Bereich der Esskultur oder der Kleidungsindustrie. Mittlerweile erscheint es uns völlig normal, dass Einwohner unterschiedlicher Kontinente die gleiche Kleidung tragen und die gleichen Speisen essen. Derartige Tendenzen werden sich über kurz oder lang auch im gebauten Umfeld abbilden. Es wird dann nicht mehr die Stadt als solches geben, als Identitätsträger wird maximal noch der historische Kern erhalten bleiben.

Glauben Sie, dass diese historischen Zentren, in Wien etwa der erste Bezirk, dann zu einer Art Disneyland werden?

Davon spricht man jetzt schon seit mehr als 50 Jahren. Ich glaube, wir sind zum Teil schon Disneyland. Aber das trifft auf Paris oder London genauso zu.

Wird in Österreich jemals eine Frau zur Kanzlerin gewählt werden?

Das finde ich zumindest nicht ganz unwahrscheinlich. Aber je nach dem, wie es dazu kommen wird und welcher Partei sie angehören wird, erfüllt mich diese Vorstellung mit Optimismus bzw. mit Schrecken.

Was halten Sie von Frauen wie Angela Merkel?

Natürlich kann es als positives Zeichen nach außen hin gewertet werden, wenn eine Frau das Kanzleramt übernimmt. Aber in Wahrheit ist Frau Merkel eine Frau, die sich der Politik anpasst, die gerade vorherrscht. Also ehrlich gesagt, als Beispiel für die Emanzipation der Frau empfinde ich sie als irrelevant.

Wie würden Sie weibliche Politik definieren?

Eine Trennung zwischen männlicher und weiblicher Politik ist viel zu plakativ. Das Problem ist doch, dass politisch tätige Frauen als Machtvertreter männlicher Interessen wahrgenommen werden. In dieser Hinsicht muss sich das System grundlegend verändern. Es geht nicht um Rollenklischees, sondern um Parität, also um Gleichwertigkeit für Männer und Frauen, sei es in ihrer Arbeitsbehandlung, in ihren Möglichkeiten, in der Bezahlung, in der sozialen Stellung. Der erste wichtige Schritt wäre die Gleichstellung in wirtschaftlichen Positionen.

Ist die Männerwelt tatsächlich so stark, oder ordnen sich Frauen freiwillig unter?