Ist Sexualität ritualisiert?

Auch - vor allem in Äußerlichkeiten. Die tatsächliche Unsicherheit im Umgang mit Sexualität zeigt sich etwa in Umfragen, die bestätigen, dass Paare zwar gerne treu sind, aber trotzdem Freiheiten haben wollen. Da orte ich Zwiespältigkeit.

Wird Sexualität also einerseits überbewertet, andererseits nicht ausgelebt?

Sie wird ritualisiert, in gewisse Kanäle geleitet, aber nicht emotional ausgelebt. Ich glaube, dass sich diesbezüglich in unserer Gesellschaft einiges aufstaut.

Brauchen wir also eine zweite sexuelle Befreiung?

Eine zweite Befreiung nicht, aber eine Rückbesinnung auf die erste und einen etwas lockereren, ehrlicheren Umgang, der sich nicht so sehr auf vorgegebene Verhaltensmuster fixiert. Weniger sexy, dafür mehr erotisch sollten wir sein.

Am 3. März wird in Moskau eine große VALIE EXPORT-Ausstellung eröffnet. Welche Arbeiten werden Sie dort zeigen?

Ich präsentiere eine Installation, die ich eigens für Russland geschaffen habe und die sich mit Waffen auseinandersetzt. Es geht um Kriegsituationen und Machtpotentiale sowohl auf Seiten von Staatsarmeen als auch auf Seiten von Rebellen. Und um die Frage, was Rebellen eigentlich zu Rebellen macht und in ihrer Machtausübung von staatlichen Kräften unterscheidet. Rebellen sind ja nur solange Rebellen, als sie keine strukturierte Macht besitzen, also etwa Staatsmacht, wobei das eine sehr schnell ins andere umschlagen kann.

Welche Themen brennen Ihnen derzeit noch unter den Fingernägeln?

Ein Thema, das ich schon seit einiger Zeit bearbeite, ist die weibliche Beschneidung. Sie ist einer der grausamsten Eingriffe in die weibliche Psyche und in den weiblichen Körper. Sie ist eine einschneidende Körperverletzung, die Teil der kontinuierlichen Gewalt gegen Frauen in vielen Kulturen und Gesellschaften auf der Grundlage des Biologismus ist. In Wien wird die weibliche Beschneidung ja nur selten - illegal - durchgeführt, in Einwandererfamilien etwa, wenn ein entsprechender Arzt greifbar ist. Grundsätzlich jedoch hat das Thema mit einem anderen Kulturkreis zu tun - und genau das interessiert mich daran, weil ich meine Kultur mit fremden Kulturen in eine Diskussion, in einen Dialog stellen kann.

Wie sehen diese Arbeiten konkret aus?

Sie bestehen aus Fotoaufnahmen, Filmen, Dias und Interviews.

Stammt dieses Material aus Wien oder reisen Sie für dieses Projekt auch in Länder, wo die Beschneidung praktiziert wird?

Ich beschaffe mir Material aus dem Ausland oder ich mache Interviews mit Betroffenen in Wien. Ich habe allerdings noch nie eine beschnittene Vagina fotografiert. Ich habe ein Problem, die Verstümmelung selbst zu dokumentieren, weil ich das Thema ja nicht voyeuristisch aufbereiten möchte. Ich kenne zwar betroffenen Frauen, die ich bitten könnte, sich fotografieren zu lassen. Aber eine innere Hemmschwelle hindert mich daran.

Eine Hemmschwelle den Betroffenen gegenüber oder eine künstlerisch Hemmschwelle?

Nein, nicht den Frauen gegenüber, die müsste ich ja nur fragen. Eine ethische Hemmung, weil die Behinderung an sich für mich so wahnsinnig schmerzhaft ist. Eine derartige Verletzung lässt sich niemals künstlerisch darstellen. Sie lässt sich allerhöchstens in einem Kunstrahmen zeigen, quasi als ausdrucksstarke Information. Ich kann auch keinen Sterbenden aufnehmen, obwohl ich das nicht vergleichen möchte. Früher bestand die Tradition, einen Sterbenden vor seinem Ableben noch einmal zu fotografieren. Diesbezüglich bin ich auch schon oft gefragt worden. Aber das kann ich nicht. Das erscheint mir zu voyeuristisch.

Zur Person:

VALIE EXPORT, 1940 in Linz geboren, entschied sich laut eigener Angabe schon mit 16 Jahren für ein Leben als Künstlerin. Sie absolvierte die Kunstgewerbeschule in Linz und die Höhere Bundeslehr- und Versuchsanstalt für Textilindustrie, Abteilung Design, in Wien. In den 1960er Jahren begann VALIE EXPORT als freie Künstlerin mit Video-Installationen, digitaler und konzeptueller Fotografie, Körper-Material-Interaktionen und Skulpturen zu arbeiten. 1967 kreierte sie als künstlerisches Konzept und persönliches Logo ihren Kunstnamen "VALIE EXPORT" - mit der Vorgabe, ihn nur in Versalien zu schreiben. Schon bei sehr frühen Arbeiten trat der eigene weibliche Körper als wesentliches Gestaltungselement in Erscheinung. So entstand 1968 die öffentliche Aktion "Tap- und Tastkino" - und 1969 der Auftritt "Genitalpanik". Die provokanten Projekte fanden großen internationalen Anklang und empörte Ablehnung in Österreich. So verweigerte der damalige Kunstminister Fred Sinowatz Ende der siebziger Jahre die Verleihung des österreichischen Staatspreises für Filmkunst an VALIE EXPORT.

Von 1991 bis 1995 war sie als Professorin für technische Bildmedien und visuelle Kommunikation an der Hochschule der Künste Berlin tätig. Von 1995 bis 2005 unterrichtete sie als Professorin für Multimedia und Performance an der Kunsthochschule für Medien in Köln. 2000 wurde VALIE EXPORT mit dem Oskar Kokoschka-Preis ausgezeichnet, weigerte sich aber, den Preis aus den Händen eines Mitglied der schwarz-blauen Bundesregierung entgegenzunehmen.

Zahlreiche internationale Ausstellungen, unter anderem bei der "Documenta" in Kassel, in der Londoner Modern, dem New Yorker Museum of Modern Art und dem Pariser Centre Georges Pompidou. VALIE EXPORT lebt in Wien und arbeitet zur Zeit an einer Werkschau für das National Center for Contemporary Arts und der Ekaterina Foundation in Moskau. Diese Ausstellung wird am 3. März eröffnet und dauert bis 1. April 2007.

valieexport.org