Wiener Zeitung:Wie wichtig, bzw. notwendig sind Geisteswissenschaften in unserer Gesellschaft? Und woher rührt das Konkurrenzdenken zwischen Natur- und Geisteswissenschaften?

Natur- und Geisteswissenschafter haben einander einiges zu sagen: Wolfgang Kummer (links) und Konrad Paul Liessmann im Gespräch. Fotos: Andrea Bardas
Natur- und Geisteswissenschafter haben einander einiges zu sagen: Wolfgang Kummer (links) und Konrad Paul Liessmann im Gespräch. Fotos: Andrea Bardas

Wolfgang Kummer: Ich möchte bewusst provokant beginnen. Wenn ich mit Kollegen von der geisteswissenschaftlichen, respektive philosophischen Fakultät spreche, habe ich oft den Eindruck, dass sie bei Aristoteles stehen geblieben sind, bzw. bei Kant und seinen Apriori von absolutem Raum und absoluter Zeit. Mir ist unverständlich, weshalb diese von der Physik schon längst als unzutreffend bezeichneten Ansätze immer noch eine so große Rolle spielen. Die aristotelische Logik ist überholt und unvollständig. Überspitzt formuliert: Damit kann man keinen Computer bauen.

Konrad Paul Liessmann: Sie sprechen ein Thema an, das nicht mein Fachgebiet ist. Ich weiß aber sehr wohl, dass auf keinem philosophischen Institut, wo Logik gelehrt wird, der Wissensstand bei Aristoteles endet. Selbstverständlich gehören Aussagenkalküle, Prädikatenlogik, mehrwertige Logiken und Modallogik zu den Grundstoffen der Logikkurse. Dass sich die Entwicklung der modernen Logik allerdings immer wieder auf Aristoteles bezieht, ist aus einer historischen Perspektive völlig klar, da mit Aristoteles die Formalisierung des Denkens beginnt. Genauso wie mit Galilei die Mathematisierung der Naturwissenschaft beginnt.

Wie wurde in philosophischer Hinsicht die aristotelische Logik weiterentwickelt, bzw. wann passierte der entscheidende Schritt über Kant hinaus?

Liessmann: Der Schritt über Kant hinaus vollzog sich im 19. Jahrhundert, konkret mit der Entwicklung von Gottlob Freges Prädikatenlogik. Die mehrwertige Logik, also genau jener Themenkreis, der jetzt in der Experimentalphysik bzw. in der theoretischen Physik eine Rolle spielt, wurde in den Zwanzigerjahren des 20. Jahrhunderts entwickelt. Zu dieser Zeit wurde auch die Quantentheorie konzipiert. Das waren parallele Phänomene. Aber um auf Aristoteles zurück zu kommen - gerade einen Computer kann man überhaupt nur auf Basis der aristotelischen Logik bauen.

Sie sprechen die aristotelischen Schlusssätze an?

Liessmann: Die aristotelische Aussagenlogik und ihre Voraussetzung: Widerspruchsfreiheit. Computer funktionieren auf diesem Entweder-Oder-Prinzip: Wahr oder falsch, 0 oder 1. Auch die Syllogismen sind ja nicht überholt, sondern nach wie vor gültig.

Kummer: Aber sie sind unvollständig.

Liessmann: Das stimmt, sie stellen einen ersten Versuch dar, Beziehungen zwischen Aussagen zu formalisieren und vernachlässigen - was Frege erst nachträglich entwickelt hat - die Prädikatenlogik. Aber sie arbeiten konsequent mit zwei Zuständen.

Kummer: Der Satz vom ausgeschlossenen Dritten.

Liessmann: Genau. Daneben war Aristoteles von allen Philosophen der größte Empiriker und hat das Verhältnis zwischen Geist und Materie neu gefasst. Er war auch der Erste, der versuchte, Kausalität in vielfältiger Form zu fassen. Und das Kausalitätsprinzip ist ein immer wieder diskutiertes Prinzip, ohne das wir keine Wissenschaft betreiben können.

Kummer: Es gibt auch ein Dazwischen. Wahrscheinlichkeit kann auch kausal bestimmt werden. Das haben wir in der Quantenmechanik. Aber was mir in diesem Zusammenhang wichtig ist: Die Vielfalt der einzelnen Wissenschaften, die einander letztlich viel näher stehen, als man oft glaubt, findet in der Gesellschaft kein entsprechendes Echo. Ich bedaure besonders, dass die Mathematik in Österreich keine größere Rolle spielt.

Liessmann: Ihre Klage kann sich nur auf das öffentliche Bewusstsein beziehen. Denn in der Forschungslandschaft selber braucht man über die Dominanz der Naturwissenschaft nicht streiten. Von zehn Wittgenstein-Preisträgern sind neun Naturwissenschafter. Das gleiche Verhältnis gilt für die europaweit vergebenen Forschungsgelder. Die Frage ist somit: Warum werden die Naturwissenschaften trotz dieser ökonomischen und damit auch institutionellen Bedeutung in der Öffentlichkeit mit einer gewissen Skepsis bedacht? Und da sage ich als Philosoph und Geisteswissenschafter: Ich bedaure zutiefst, dass nicht mehr Verständnis erwirkt wird für das, was Naturwissenschafter tun.

Wie ist das Konkurrenzdenken zwischen Geistes- und Naturwissenschaften entstanden?

Kummer: Als Physiker denke ich, dass das bis zu dem Moment zurückreicht, an dem man festgestellt hat, dass den natürlichen Zahlen Obertöne auf einer schwingenden Seite zugeordnet sind - also bis zu Pythagoras. Die Entdeckung, dass Zahlen in der Natur eine Rolle spielen, war in der Tat eine Umwälzung. Wobei die Art, wie sich Naturbeschreibung entwickelte, eng verbunden war mit der Entwicklung eines Formalismus in der Mathematik. Aber auch die Trennung der Fakultäten hat zu dem Auseinanderdriften beigetragen.

Liessmann: Ich darf nur daran erinnern, dass über der von Platon gegründeten Akademie in Athen die Inschrift prangte: "Es trete hier niemand ein, der nicht der Mathematik (wörtlich: der Geometrie) kundig ist." Das heißt, den Geisteswissenschaftern ist die Mathematik seit der Antike geläufig, auch wenn sie sie selber nicht immer beherrschen. Die klassischen Fakultäten waren Medizin, Jus, Theologie sowie die Philosophische Fakultät, in der das, was wir heute Geistes- oder Naturwissenschaften nennen, vereint war. Musik gehörte übrigens auch dazu - wegen ihrer Nähe zur Mathematik. Isaac Newton hat seine Mechanik übrigens noch als Naturphilosophie bezeichnet.