Liessmann: Die Spannungen minimieren sich, wenn jeder weiß, was sein Gegenstandsbereich ist und was die Methoden sind, mit denen man diesen Gegenstandsbereich erforscht. Ein Grund, warum es zu Konflikten kommen kann, liegt in der Frage, ob man menschliches Handeln nach dem Modell von Naturwissenschaften verstehen kann. Wobei die Versuche, die Geisteswissenschaften zu mathematisierbaren Naturwissenschaften zu machen, vom Menschen selbst boykottiert werden. Und zwar deshalb, weil Menschen sich offensichtlich immer anders verhalten, als es die Gesetze, die wir glauben entdeckt zu haben, vorgesehen hätten.

Kummer: Der Mensch ist unlogisch.

Liessmann: Deshalb ist Geisteswissenschaft notwendig. Wir entwickeln ständig Theorien, um das zu verstehen, was wir selber gemacht haben.

Kummer: Wenn man die Kosmologie verstehen will, ist das auch eine Art Zurückrekonstruieren, wie sich etwas entwickelt hat - nur verlängert es die Geschichte über den Menschen hinaus.

Liessmann: Das schöne Wort von Goethe - "Nichts Menschliches ist mir fremd" - darf im Grunde als Programm für geisteswissenschaftliche Forschung angesehen werden. Ich finde das genauso interessant wie die ebenfalls Goethesche - eigentlich Faustische - Frage danach, was die Welt im Innersten zusammenhält.

Kummer: Natürlich. Das sind verschiedene Bereiche, die einander ergänzen. Der eine ist so wichtig wie der andere.

Wolfgang Kummer, geboren 1935, ausgebildet sowohl in technischer als auch in theoretischer Physik, ist Professor (emeritus) am Institut für theoretische Physik der Technischen Universität Wien. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören: Elementarteilchenphysik, Mathematische Physik, Quantenfeldtheorie, Quantengravitation und die Theorie schwarzer Löcher. Er war als österreichischer Vertreter am CERN (European Organization for Nuclear Research) in Genf tätig und hatte mehrere Gastprofessuren in Europa und den USA inne. Für seine wissenschaftliche Tätigkeit in Forschung und Lehre wurde Wolfgang Kummer mit zahlreichen Preisen und Ehrungen ausgezeichnet, unter anderem erhielt er den Kardinal Innitzer-Preis (1981) und den Erwin Schrödinger-Preis der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (1988). Er lebt in Wien.

Konrad Paul Liessmann , geboren 1953 in Villach, Studium der Germanistik, Geschichte und Philosophie in Wien. Professor am Institut für Philosophie der Universität Wien. Als Essayist, Kritiker und Kulturpublizist behandelt er Fragen der Ästhetik, der Kunst- und Kulturphilosophie, Gesellschafts- und Medientheorie sowie der Philosophie des 19. und 20. Jahrhunderts. Seit 2001 ist Liessmann Mitglied des Kuratoriums des Europäischen Forum Alpbach, seit 2002 Herausgeber der Werke Friedrich Heers im Böhlau-Verlag. Seit Oktober 2004 Studienprogrammleiter für Philosophie an der Fakultät für Philosophie und Bildungswissenschaft der Universität Wien. Er erhielt u. a. den Österreichischen Staatspreis für Kulturpublizistik (1996) und den Ehrenpreis des österreichischen Buchhandels (2003). Auch als wissenschaftlicher Leiter des "Philosophicum Lech" und Herausgeber der gleichnamigen Buchreihe im Zsolnay Verlag ist er tätig.. Von 14. bis 17. September 2006 findet das Philosophicum zum zehnten Mal in Lech am Arlberg statt. Dieses Mal steht das Thema "Die Freiheit des Denkens" im Mittelpunkt der Vorträge und Referate. Weitere Informationen sind im Internet unter www.philosophicum.com zu finden.

Konrad Paul Liessmann: Theorie der Unbildung. Die Irrtümer der Wissensgesellschaft. Zsolnay Verlag Wien, 160 Seiten, 18,40 Euro.

Konrad Paul Liessmann: Theorie der Unbildung. Die Irrtümer der Wissensgesellschaft. Zsolnay Verlag Wien, 160 Seiten, 18,40 Euro.