Deshalb hat Harry G. Frankfurt einen ersten Schritt zur Entwicklung eines theoretischen Verständnisses dieses Phänomens unternommen, und zwar durch eine, wie er sagt, "das Terrain eher vorsichtig sondierende philosophische Analyse".

Robert Sedlaczek ist Autor des Buches "Das österreichische Deutsch". Seit 2005 schreibt er für die "Wiener Zeitung".
Robert Sedlaczek ist Autor des Buches "Das österreichische Deutsch". Seit 2005 schreibt er für die "Wiener Zeitung".

Als zentrales Beispiel zitiert er einen Satz, den eine gewisse Fania Pascal in den 1930er-Jahren in Cambridge gegenüber Ludwig Wittgenstein verwendet haben soll. Die Frau lag im Spital, eben waren ihr die Mandeln herausgenommen worden. Sie bedauerte sich selbst. Da kam Wittgenstein zu Besuch. Die Frau krächzte: "Ich fühle mich wie ein Hund, den man überfahren hat". Darauf Wittgenstein: "Sie haben doch gar keine Ahnung, wie sich ein überfahrener Hund fühlt!"

Es ist nicht gesichert, dass Wittgenstein diesen Satz wirklich so gesagt hat, aber man kann davon ausgehen, dass der von Fania Pascal wiedergegebene Dialog authentisch ist. Was könnte Wittgenstein zu dieser Aussage veranlasst haben, die ja aufs Erste wie eine Herzlosigkeit aussieht?

Frau Pascal hat sich eines überzogenen bildlichen Sprachgebrauchs bedient. Der Satz gibt vor, mehr zu transportieren als die bloße Mitteilung: "Ich fühle mich schlecht!" In der Tat transportiert der Satz aber viel weniger. Er stellt eine Übertreibung dar, weil überfahrene Hunde in den meisten Fällen tot sind. Und er kann kaum als Anknüpfungspunkt für ein Gespräch dienen, weil er keine nachvollziehbare Realitätsbeschreibung enthält.

"Sie glaubt ja noch nicht einmal selbst, dass sie mehr als nur in unbestimmter Weise wüsste, wie ein überfahrener Hund sich fühlt", vermerkt Frankfurt. "Die Beschreibung ihres eigenen Gefühls ist demnach etwas, das sie sich lediglich zusammengereimt hat. Sie hat es erfunden, oder sie hat es von jemand anderem gehört und plappert es nur gedankenlos und ohne Rücksicht auf die wirklichen Gegebenheiten nach."

Es wäre also besser gewesen, wenn sich Frau Pascal simpel ausgedrückt hätte: "Ich fühle mich schlecht, mein Hals tut mir weh. Eigentlich will ich nicht einmal reden." Sie hätte am Schluss auch noch eine gängige Metapher hinzufügen können, zum Beispiel: "Ich fühle mich wie gerädert!"

Nie im Leben hätte Wittgenstein darauf geantwortet: "Aber sie wissen doch gar nicht, wie sich jemand fühlt, der gerade gerädert worden ist!"

Erstens hat sie zuvor detailliert beschrieben, was sie empfindet, und zweitens ist uns diese Redewendung aus dem finsteren Mittelalter bereits so geläufig, dass wir gar nicht mehr darüber nachdenken, was sie im wörtlichen Sinn bedeutet hat.

Niemand denkt daran, dass es sich um die gängige Hinrichtung von Staatsverbrechern und Räubern gehandelt hat - der Delinquent wurde oft auch noch zur Schau gestellt, wenn er mit gebrochenen Gliedern am Rad eingeflochten war.

Was Harry G. Frankfurt da schreibt, ist natürlich Sprengstoff für unseren Alltag. Nehmen wir an, ER kommt nach einem eher lockeren Arbeitstag nach Hause. SIE hat Wäsche gewaschen und gebügelt, das Abendessen steht fertig am Tisch. Da sagt SIE: "Ich fühle mich wie ein Hund, den man überfahren hat!" Darauf ER: "Du hast doch gar keine Ahnung, wie sich ein überfahrener Hund fühlt!"

Es kann auch umgekehrt sein, doch können wir ausschließen, dass sich die beiden sofort lachend um den Hals fallen.

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