(Wei) Obwohl Ludwig Wittgenstein zu seinen Lebzeiten nur ein einziges Buch veröffentlichte, den sprachpuristischen "Tractatus logico-philosophicus", gilt er heute als einer der bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Sein Gesamtwerk wird allerdings sehr widersprüchlich gedeutet. Antimetaphysisch war es jedenfalls.

Buchcover. - © kitab-verlag
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Der 25-jährige Wittgenstein meldete sich 1914 freiwillig zum Kriegsdienst, war in Galizien und an der Italienfront im Einsatz, wurde mehrfach ausgezeichnet und kehrte 1919 aus der Kriegsgefangenschaft nach Wien zurück. Seine Kriegserfahrungen, seine Erlebnisse, seine Empfindungen und seine philosophische Denkarbeit, an der er unbeirrt vom grauenhaften Umfeld weiter arbeitete, hielt er in geheimschriftlich verfassten Tagebüchern fest (Zeitumfang August 1914 bis August 1916). Der Wittgenstein-Biograph Wilhelm Baum legt sie nun, mit einem ausführlichen Kommentar versehen und mit anderen dokumentarischen Quellen angereichert, vor.

Die drei Hefte gewähren einen hochinteressanten Einblick in die seelische und weltanschaulich- geistige Verfasstheit des jungen Philosophen und somit auch in die Entstehungsgeschichte des Tractatus. Wittgenstein korrespondierte selbst im Frontgetümmel mit Ludwig von Ficker, dem er für dessen Zeitschrift "Der Brenner" einhunderttausend Kronen zur Verfügung stellte, las Tolstoi und hielt Kontakt zu seinem Lehrer Bertrand Russell in Cambridge. Ein im gesteckten Rahmen sehr interessantes, erhellendes Buch. Für Wittgenstein-Experten und -Liebhaber gewiss ein Muss.