Wenn Sie sagen, "die Geschichte ist nicht zu Ende", schwingt für viele auch Unbehagen mit. Die Digitalisierung ist nicht einmal im Ansatz in unserem Alltag vollzogen, weder im Denken noch im Handeln. Erst langsam werden uns die Folgen klar. Hat wenigstens die Wissenschaft diese Entwicklung bis zum Ende durchgedacht?

Das ist nicht immer der Fall. Die Grenzen des Denkens sind prinzipiell offen. Wir wissen aus der Wissenschaftsgeschichte, dass die Folgen einer Entdeckung zum jeweiligen Zeitpunkt nicht immer absehbar sind. Erst Jahrzehnte später können Anwendungen zum Thema werden, das war etwa bei der Genetik der Fall. Die Frage, wer welches Wissen wann und wo einsetzt, ist eine gesellschaftliche. Hier kommen Politik und Zivilgesellschaft ins Spiel, und der Stellenwert von Wissenschaft und Forschung.

Die Wissenschaftsgeschichte lehrt aber auch, dass es noch nie funktioniert hat, Wissen zu tabuisieren. Was wir Menschen können, wenden wir auch an. Im Hinblick auf die Digitalisierung eröffnet das zum einen die enormen Chancen einer technologischen Revolution und gleichzeitig die Gefahr einer totalitären Steuerung und Kontrolle.

Ja, diese Ambivalenz ist eine Tatsache. Jede Gesellschaft muss für sich eine Balance finden zwischen Erforschung und Anwenden neuer Erkenntnisse. Wir kennen die Abgründe des 20. Jahrhunderts, die heutige Situation lässt sich als Abwägung beschreiben zwischen der Gewährleistung der individuellen Freiheit sowie dem Schutz der persönlichen Integrität auf der einen Seite und der Sicherung gesamtgesellschaftlicher Bedürfnisse andererseits. Das sind moralische und ethische Fragen, die die Politik entscheiden muss.

Der Philosoph Ludwig Wittgenstein, der maßgeblich zum neuen rationalen Denken beigetragen hat, ist aufgrund seiner Kriegserfahrungen wieder zur Religion zurückgekehrt. Sind Sie zuversichtlich, dass wir Menschen unsere technologischen Fähigkeiten in Zukunft besser kontrollieren können?

Dieses neue Denken war immer verbunden mit der Hoffnung auf die Vernunft und die Selbstbestimmung des Menschen. Gleichzeitig wissen wir, dass weder das Denken allein noch die Wissenschaft gegen autoritäre oder totalitäre Entwicklungen immunisieren. Wittgenstein war klar, dass sich das, worüber wir sprechen können, nur auf überprüfbare Erkenntnisse bezieht und dass das, worüber wir nicht sprechen können, das viel Wichtigere ist. Er war überzeugt, dass wir mit der Philosophie, auch wenn sie wissenschaftlich unterfüttert ist, die eigentlichen Probleme des Lebens noch nicht berührt haben. Das spiegelt sich in der von Hans Kelsen und auch dem Wiener Kreis vertretenen Überzeugung von der Zweiheit von Sein und Sollen. Die richtige wissenschaftliche Einstellung stellt sich hier so dar, dass es zwar Fakten und Tatsachen gibt, aus denen aber keine Werte und Normen abgeleitet werden können. Erst mit der Anerkennung des Dualismus von Tatsachen und Werten kann es gelingen, auf der Grundlage der Vernunft sich für eine eigene Haltung und Handlung rational zu entscheiden. Das ist ein sehr hoher Anspruch an unsere Natur, zumal wir Menschen uns in einem Zustand des Defizits und der Unsicherheit befinden. Es gibt niemanden in den Wissenschaften, der den Überblick hat. Es gibt niemanden, der behaupten kann, er kenne sein Fach vollständig in Geschichte, Theorie und Praxis.