Das bedeutet aber auch, dass sich Wissenschaft jeder Kontrolle entzieht, weil Normen und Tabus nicht durchgesetzt werden können.

Das sehe ich nicht so kritisch. Wenn es akzeptierte Normen und Regeln gibt und diese auch kommuniziert werden, dann ist das schon ein starkes Signal. Es geht hier eher darum, die Grenzen des eigenen Wissens zu kennen und zu akzeptieren, dadurch untergräbt man auch jeden Anspruch auf Allwissenheit und totalitäre Konzeptionen. Auf diese Weise schafft man Vertrauen in die Menschlichkeit von Wissenschaft.

Sie sprechen von Fakten und Tatsachen. Aber liegt nicht die Herausforderung der Digitalisierung darin, dass sie neue Wirklichkeiten zu schaffen vermag, die von der "wirklichen" Wirklichkeit kaum zu unterscheiden sind?

Ja, hier haben Sie recht. Das, was wir als Tatsache verstehen, unterliegt einem ständigen Veränderungsprozess. Dass wir für unsere Zeit auch von einem "postfaktischen Zeitalter" sprechen, zeigt ja an, dass es nicht mehr nur eine Realität gibt, die wir alle auf die gleiche Weise wahrnehmen und verstehen. Die Unterscheidung von natürlich und künstlich ist nicht mehr in der althergebrachten Form gegeben. Wir produzieren, reproduzieren und konstruieren virtuelle Wirklichkeiten. Mit der Digitalisierung wird deshalb unser Realitätsbegriff wesentlich erweitert und Teil unseres individuellen und gesellschaftlichen Denkens und Handelns.

Was bedeutet diese Entwicklung für unser Konzept von Wahrheit?

Der absolute Wahrheitsbegriff war immer Gegenstand philosophischer Kontroversen. Sicherheit, Wahrheit, Beweisbarkeit waren die höchsten Ansprüche an den Erkenntnisprozess und es hat sich gezeigt, dass das im Alltag nicht immer umsetzbar ist. Daher gab es ja diese Reaktion in der modernen Philosophie, zum Beispiel im Wiener Kreis: Dass die Erzeugung und Begründung von Erkenntnis nur in der Empirie liegen kann; dass uns die Logik dabei hilft, diesen Prozess zu strukturieren, aber dass sie keineswegs selbst diese Erkenntnis liefert; und dass wir es immer mit fehlbarem Wissen zu tun haben. Wenn wir diese zugegeben unbefriedigende Situation akzeptieren, dann wird das Wahrheitsproblem auf eine menschliche Dimension reduziert. Wenn wir aber weiter absolute Sicherheit haben wollen, dann wird es immer dazu kommen, dass sich robustes Wissen auflöst.

Letzte Frage: Haben Sie Vertrauen in das Verantwortungsbewusstsein der menschlichen Natur?

Ja, ich bin Optimist. Damit einher geht die Verpflichtung, die Erkenntnisse der Wissenschaften allen zugänglich und verständlich zu machen.