Beim Abnehmen verhält es sich mit den Themen Aufmerksamkeit und Körperlichkeit eindeutig entgegengesetzt zum Zunehmen. Wollte ich bislang nicht, dass meine Familie oder Freunde bei jeder Gelegenheit sagen, dass ich schon wieder zugenommen habe – was auch niemand tat, zumindest nicht direkt, so erwarte ich nun für jedes halbe Kilogramm Fett weniger eine überproportionale Anerkennung. Und diese kommt nicht.


Links
MissionUHU auf Facebook
MissionUHU bei Google+
MissionUHU bei Twitter
wienerzeitung.at ist nicht verantwortlich für die Inhalte externer Internetseiten.

Als ich also am wunderbar sonnigen Wochenende über die Wiesen und Kieselwege des örtlichen Freibades schlenderte und Freunde und Bekannte traf, erwartete ich mir die unsagbar große wundervolle Anerkennung für mehr als 25 Kilogramm Gewichtsverlust. Und was geschah? Nichts. Nada. Gar nichts, nicht mal irgendwas. So wie immer und früher. "Wie geht’s? Was tut sich so? Bist du noch dort und da? Hast du das gehört und den gesehen?" Aber kein Wort über den Bauch oder den "Nichtmehr-Bauch".

Das ohnehin kaum vorhandene Selbstwertgefühl schreit nach Anerkennung der harten Wochen. Ein stummer Schrei. Er verhallt im lauten Plätschern der Kinder im Wasser. Ich hätte also auch mit 30 Kilogramm mehr hier herumwandern können und es wäre absolut genauso? Würde ich mich mit 30 Kilo mehr, nicht freuen dass niemand sagt, wie dick ich geworden bin? Oder würde ich beginnen nachzudenken, dass ich schon so dick bin, dass keiner mit mir redet? Meine Therapeutin wird sich freuen, ob der neuen Themen, die im Freibad aufgetaucht sind. Obwohl eigentlich sind es ja die alten Themen in neuem, dünneren Gewande.

Er schmilzt, ich schmelze, du schmilzt
In den letzten geistigen Ergüssen zum Thema Ernährungsumstellung habe ich oft betont, wie wichtig, ja zentral und elementar, das "Wollen" ist. Die Einstellung zum Essen, zum Körper und zum Leben an sich muss sich ändern, dann kann man seinen Süchten und Ängsten entkommen. Das schöne Wort "Achtsamkeit", das derzeit aus allen Bücherregalen und den Internetforen tropft, trifft ist wohl wirklich am besten. Aber nach dem "Wollen" oder besser noch mit dem "Wollen" kommt das "Machen". Das Umsetzen, Dranbleiben und Durchhalten.
Und nun ist es endlich passiert: ich habe durchgehalten, ich schmelze dahin. Mein Körper wird weniger und ich leichter. Und das Abnehmen ist keine qualvolle Einschränkung mehr. Im Gegenteil. Ich genieße es. Das bewusste Essen schmeckt, mein Körper reagiert und ich fühle mich wohl. Kohlenhydrate am Abend sind kein notwendiges Allheilmittel der Probleme und Hungergefühle genieße ich ebenso. Ich werde ja nicht verhungern, also ist es schon ok.

Das liebe Essen
In der Früh bleibe ich bei geriebener Rohkost und dem obligatorischen Apfel mit Zimt. Mittags mein Fleisch mit Gemüse oder Salat und am Abend dann halt was immer ich will, ohne Kohlenhydrate. So simpel und einfach kann das Leben sein. Noch ein paar Monate und dann wird das Essen hoffentlich kein Thema mehr sein. Dann werde ich meine Ernährung wieder etwas adaptieren und achtsam und bewusst genießen.
Ich habe mich nämlich ertappt. Es war ein kurzer Augenblick. Da habe ich doch tatsächlich ein Eis gegessen. Es war ausgezeichnet. Aber das Beste daran war, dass ein Eis gereicht hat. Nicht nur für diesen einen Tag, sondern gleich für länger. Es war gut und schön. Es hat mich sehr gefreut und wir werden uns wiedertreffen – ich und ein Eis. Aber es ist auch egal, dass ich nun wieder keine Zuckerbomben essen werde. Schön, wenn die Nahrungsmittel an der Qualität und nicht an der Quantität gemessen werden und mich meine (Schuld-)Gefühle nicht wieder in eine Fressspirale abgleiten lassen. Ich denke schön langsam bekomme ich eine kleine Vorstellung davon wie es ist nicht andauernd über Essen und seinen Körper nachzudenken.

PS: Aber ich hoffe doch, dass nach 30 Kilogramm weniger endlich mal jemand herkommt und sagt "Wow du hast aber echt abgenommen. Steht dir gut". Oder auch "He schade, dass du nicht mehr so schön kuschelig und dick bist". Ich würde zwar dennoch weiter abnehmen, aber immerhin würde sich vielleicht auch das eigene Selbstwert- und Körpergefühl heben.

In diesem Sinne freue ich mich sehr, dass Sie hier sind und mich begleiten wollen. Sie können unter den Artikel jederzeit Kommentare veröffentlichen, oder sich auch gerne per Mail einbringen. Sie erreichen mich unter mission.uhu@wienerzeitung.at.