Jerusalem/Gaza. Während international die Furcht vor einem neuen Nahost-Krieg wächst, reagieren Israelis in Tel Aviv und Jerusalem entspannt. "Es regnet Raketen, aber wir sind das gewohnt", meint ein junger Israeli in der Jerusalemer Altstadt.

Die gezielte Tötung des Hamas-Militärchefs durch Israel war der Beginn eines massiven Konflikts. In der israelischen Metropole Tel Aviv heulten am Donnerstag die Luftalarm-Sirenen - erstmals seit dem Golfkrieg 1991, als der Irak Scud-Raketen auf Israel abschoss.

"Ich weiß von nichts", weicht der Mitarbeiter eines Tel Aviver Transportunternehmens der Frage nach der neuen Angriffsoffensive aus. Am zentralen Busbahnhof widmet der Sicherheitsbeamte den Gepäckstücken in täglicher Routine nur wenige Augenblicke, Koffer werden nur einen Spalt breit geöffnet.

"Es ist nicht mehr Sicherheitspersonal auf den Straßen", meint auch ein Künstler in Jerusalem. "Hier ist es sicher. Jetzt wird die neue Angriffsserie für zwei Wochen das große Thema sein und dann wird das Ganze wieder abflauen. Das Thema kommt und geht immer in Wellen", stimmt ein Verkäufer in der Hauptstadt zu. "Nur an der Grenze zum Gazastreifen ist es unsicher."

"Meine Eltern sind jetzt in Schutzunterkünften (nahe Gaza, Anm.), aber morgen fahre ich sie besuchen", zuckt ein Israeli die Schultern und demonstriert Gelassenheit. "Für uns ist das normal." Dass nur wenige Kilometer von dem Schauplatz der Gewalt entfernt in Tel Aviv junge Israelis nächtelang durchfeiern, findet er nicht paradox: "Wir genießen eben das Leben."

"In Tel Aviv haben die Leute im Ernstfall 90 Sekunden Zeit, um in die Schutzbunker zu gehen. In der Regel hat jedes Haus einen bunkerähnlichen Raum, der sie vor Raketenangriffen schützt. Die Palästinenser haben aber nicht die Kapazitäten, Tel Aviv oder Jerusalem in großen Ausmaß mit Raketen anzugreifen, sie sind militärisch nicht so weit", beurteilt ein Musiker den ersten Luftalarm in Tel Aviv seit mehr als zehn Jahren. "Die Wahrscheinlichkeit, bei einem Verkehrsunfall ums Leben zu kommen, ist dutzendfach höher als durch einen palästinensischen Angriff."

Auch einen palästinensischen Selbstmordanschlag befürchtet er nicht. Dabei entkam er vor acht Jahren selbst nur knapp einem Selbstmordattentäter, der in einem Cafe in Tel Aviv 25 Menschen in den Tod riss. Er hatte an diesem Abend ebenfalls in das Lokal gehen wollen, ein Freund überredete ihn aber zum Besuch eines Anderen.

"Mein Freund sagt schon, ich soll aufpassen", sagt eine deutsche Studentin in Jerusalem. "Besonders im Bus und auf dem Markt." "Solange aber die anderen internationalen Studenten hier sind, mache ich mir noch keine Sorgen."

Auf den Märkten in der Jerusalemer Altstadt ist die Stimmung entspannt. Händler wetteifern in gewohnter Routine um die Shekel der Touristen. In der Al-Aqsa-Moschee feiern Muslime ein religiöses Fest. Wenige Meter entfernt - nur durch eine Mauer getrennt - haben jüdische Buben an der Klagemauern ihren großen Tag, die Bar Mitzwa. Es wird gesungen und geklatscht - fast so, als wüsste keiner, dass wenige Kilometer weiter im Süden die Raketen niedergehen.