Etgar Keret trägt kurze Hosen und ein verwaschenes T-Shirt, als er wippend über den Innenhof des prächtigen Kolonialbaus kommt. Erst vor wenigen Stunden ist der israelische Schriftsteller in Paraty eingetroffen, einem pittoresken Städtchen aus dem 17. Jahrhundert an der brasilianischen Atlantikküste. Hier findet das 12. Internationale Literaturfestival statt, das wichtigste Literaturevent des Landes. Keret ist eingeladen, um mit dem Mexikaner Juan Villoro zu diskutieren. Es soll um zwei uralte Länder gehen, beide auf ihre Art paradiesisch verklärt – und doch in Krieg oder Verbrechen gefangen. Vor einigen Tagen hat Keret in seiner Heimat ein Essay unter dem Titel  "Israels anderer Krieg " veröffentlicht, das gekürzt auch im  "New Yorker " und der  "FAZ " erschien. Er beschreibt darin den Meinungsterror von Israels Rechter gegenüber Kritikern des Gaza-Kriegs. Israel werde nicht nur von Außen bedroht, sondern auch von Innen.

Herr Keret, Sie kommen direkt aus Tel Aviv?

Es gab nur ein Zwischenstopp in New York. Es ist wie in einer anderen Welt hier. Ich bin zum ersten Mal in Brasilien.

Und der Krieg folgt ihnen.

Die Ereignisse in Gaza und Israel beschäftigen mich natürlich auch hier.

Sie sprechen von zwei Kriegen, die stattfinden. Welches ist der erste?

Wenn die Sirenen heulen und eine Hamas-Rakete über mir und meinem Sohn in Tel Aviv abgeschossen wird und die Metallteile wenige Meter neben uns auf die Straße stürzen. Oder wenn wir im Bunker sitzen. Aber auch wenn wir sehen, wie in Gaza Menschen sterben. Kinder, die keine Schutzschirm, ja nicht mal einen Schutzraum haben. Da kann ich nicht still halten. Es ist menschlich, wenn man das beenden möchte. Wenn ich mich nicht dagegen ausspräche, könnte ich meinem Sohn nicht mehr in die Augen schauen.

Und der zweite Krieg?

Ist derjenige, den Israels Rechte gegen Leute wie mich führt. Der Begriff  "Linker " ist zum Schimpfwort geworden ist. Er ist gleichbedeutend mit: Du bist kein Israeli, du bist ein Verräter und solltest nach Gaza ziehen. Die sozialen Netzwerke benutzt, um Gift und Galle zu verbreiten. Meine Frau Shira ist Schauspielerin und Autorin. Sie hatte an dem Tag, als die vier palästinensischen Jungs am Strand von Gaza von israelischen Soldaten getötet wurden, eine Filmvorführung. Sie bat im Kino um eine Schweigeminute. Schon am selben Abend existierten ein Dutzend Facebook-Seiten. Eine hieß:  "Ich hasse Shira Geffen ". Dort machten sich Leute Gedanken darüber, wie sie meiner Frau schaden könnten. Die Rechte missbraucht ihre Meinungsfreiheit, um diejenige anderer einzuschränken. Aber Intoleranz immer ein Zeichen für Schwäche.