Wien. Mit Martin Karplus wird die Liste der in Österreich geborenen, von den Nazis aber noch im Kindheits- bzw. Jugendalter vertriebenen Nobelpreisträger nach zuletzt Walter Kohn (Chemie-Nobelpreis 1998) und Eric Kandel (Medizin-Nobelpreis 2000) wieder um einen Namen länger. Karplus ist nach eigenen Angaben sogar neben seiner US-Staatsbürgerschaft auch noch österreichischer Staatsbürger - seine wissenschaftliche Karriere machte der theoretische Chemiker aber fernab Österreichs an den Top-Universitäten der USA und Großbritanniens. Insgesamt ist Karplus der 17. Nobelpreisträger, der in den Grenzen des heutigen Österreich geboren wurde.

Karplus wurde am 15. März 1930 in Wien geboren und wuchs in Grinzing auf. Die Wissenschaft wurde dem Spross einer jüdischen Medizinerfamilie praktisch in die Wiege gelegt: Bereits sein Großvater väterlicherseits, Johann Paul Karplus, war Professor an der Medizin-Fakultät der Uni Wien und an der Entdeckung der Funktion des Hypothalamus beteiligt - nach ihm ist heute die Karplusgasse in Wien-Meidling benannt. Sein anderer Großvater, Samuel Goldstern, betrieb eine auf die Behandlung rheumatischer Leiden spezialisierte Privatklinik.

Vater wurde inhaftiert
Bereits wenige Tage nach dem "Anschluss" verließ Karplus zusammen mit seiner Mutter und seinem Bruder Robert (1927-1990), der später ein bekannter Physiker und Physik-Pädagoge in den USA wurde, Österreich in Richtung Schweiz. Sein Vater wurde in Wien inhaftiert, konnte aber einige Monate später ausreisen und mit der gesamten Familie in die USA emigrieren, wo sie vor fast genau 75 Jahren, am 8. Oktober 1938, ankam.

Gemischte Gefühle gegenüber Österreich
Erst 45 Jahre später kehrte Karplus an die Stätten seiner Kindheit zurück - das Wohnhaus der Familie war von den Nazis arisiert worden. "Bis heute, mehr als 65 Jahre später, habe ich gemischte Gefühle, wenn ich Österreich besuche, was ich selten tue, weil der Antisemitismus heute genauso verbreitet ist wie damals", so der Wissenschafter 2006 in einer in der "Annual review of Biophysics and Biomolecular Structure" erschienenen Kurz-Autobiographie.

In den USA wuchs Karplus in Brighton im Großraum Boston auf. Er studierte zunächst ab 1947 in Harvard und wechselte später ans California Institute of Technology (Caltech), wo er beim zweifachen Nobelpreisträger Linus Pauling seinen PhD machte. Anschließend forschte er als Postdoc zwei Jahre in Oxford (Großbritannien), bevor er in die USA zurückging und zunächst an der University of Illinois und dann an der Columbia University arbeitete.